Archiv der Kategorie: Die Mauer – Berlin ´61

Filmszenen I .. Da sind zwei, die wollen runter. ..is mein Kind…in: Die Mauer-Berlin ´61. Teil 4 Regie: Hartmut Schoen. 2005-2006

Teaser Film Die Mauer - Berlin ´61

Bildquelle und alle Bildrechte bei teamWorx Filmproduktionsgesellschaft und WDR (Westdeutscher Rundfunk)

<-<- zurück zu Teil 3

Hören statt Lesen Kino für die Ohren: zu unserem Podcast Filmszenen: Streaming Audio.mp3->->

Fluchtversuch.

Vor der Szene.

Paul, der Sohn von Hans und Katharina, versucht seinerseits, die Grenze in den Westen zu überwinden, um wieder bei seinen Eltern sein zu können.

Er entflieht seiner Pionier-Erziehung in einem Kinderheim, streunt durch die Straßen auf der Suche nach Essbarem, als seine Klavierlehrerin Lavinia Kellermann ihn findet und spontan bei sich aufnimmt.

Paul überredet Lavinia, mit ihm zusammen in eines der von Mietern geräumten Grenzwohnhäuser zu gehen, deren Fensterrückfront direkt auf Westgebiet führt. Lavinia spielt die Begleitperson des Pioniers Paul, der im Auftrag der Partei den Grenzpolizisten für ihre Arbeit danken soll.

Die beiden schaffen es, unbemerkt in die oberen Stockwerke des Hauses zu gelangen. Im Erdgeschoß und im ersten Stock sind die Fenster bereits vermauert. Dort ist kein Hinauskommen, nur die Fenster im zweiten Stock sind noch zugänglich.

Lavinia und Paul warten im zweiten Stock versteckt, bis es dunkel ist.

Sie werden tatsächlich nicht entdeckt.

Hans und Katharina hatten ihren Sohn schon am Nachmittag ins Haus gehen sehen und verlassen den Platz nicht.
Die ganze Zeit stehen sie direkt jenseits des Stacheldrahts und schauen zu dem Haus hinüber, in dem sie ihren
Sohn wissen.


Die Szene.

Abends. Es ist dunkel.

Paul geht zum Fenster und setzt sich auf die Fensterbank, die Beine baumeln bereits herunter, da versucht Katharina vom unten , ihrem Sohn Zeichen zu geben. Sie reisst sich zusammen, vermindert ihre Gestensprache ins Unauffällige.

Hans sichert mit ängstlichem Blick zu den Grenzpolizisten, bevor er es wagt, zu seinem Sohn hochzusehen. Er lacht kurz.

Jetzt, da sich etwas bewegt, Hoffnung möglich ist, füllt sich Hans´ vorher scheinbar leere Hülle wieder mit ihm selbst, seinem Willen, seinem ich. Er gewinnt sehr schnell an Substanz, ist da, beginnt zu handeln.

Wenige Schritte bringen ihn zu einem Polizisten. Er spricht ihn leise an.

Da sind zwei, die wollen runter.

…is mein Kind.

Der Polizist reagiert geistesgegenwärtig. Er bleibt unbeweglich unauffällig, fragt aber hellwach, schnell und alarmiert:

Wo?

Hans unterdrückt seine Aufregung, ganz leise und gestenarm:

Da hinter mir, im zweiten Stock.

Der Polizist wirft einen unauffälligen Blick auf die Stelle, erkennt die Lage und geht nach einem

…Moment …

weg.

Ein zweiter Westpolizist sichert mit unruhigem Blick nach den Ostgrenzpolizisten. Auch wir werfen einen Blick hinüber, sehen drei Wachsoldaten drüben. Sie haben nichts bemerkt.

Nahaufnahme Hans.

Wir sehen ihn von hinten. Er geht von uns weg. Auch in diesen wenigen Momenten, da wir nur seinen Rücken sehen, bemerken wir: er sieht aus wie ein Mensch, der einfach jederzeit einen Nackenschlag erwartet.

Der Polizist verständigt über Funktelefon die Feuerwehr.

..vierundzwanzig an eins, vierundzwanzig an eins…(…) …aber ganz schnell…

hören wir.

Hans zu Katharina:

Die holen jemanden. Ich glaub´, die Feuerwehr.

Oben sitzt Paul auf der Fensterbank des zweiten Stocks, ungefähr. zehn Meter über dem Erdboden, die Beine baumeln noch immer nach draussen. Seine Mutter bedeutet ihm

Nicht springen….

Paul wartet. Alle warten, die Polizisten, Passanten, Hans, Katharina.
Leider blicken immer mehr der umstehenden Leute zu Paul hoch. Die Blicke der Schaulustigen ziehen die Blicke der Grenzpolizisten ebenfalls auf die Stelle.

Wir sind dicht hinter Katharina und Hans . Wir sehen mit ihnen hinauf zum zweiten Stock.

…nicht springen…

wiederholt Katharina leise.

Wir sehen Paul als kleine Silhouette vor dem erhellten Zimmerhintergrund.

Ihr dürft nich´ springen. flüstert Katharina.

Jetzt stehen schon elf Schaulustige herum, die alle zu Paul hochsehen.

Paul gibt seiner Mutter Zeichen, dass er sie verstanden hat.

Auf der Ostseite bei den Grenzsoldaten. Sie wollen rauchen. Der eine zum Anderen:

Gib mir mal eine.

Na jez´ fangen se langsam an, des Maul zu halten, wird auch Zeit.

Wir sehen jetzt schon insgesamt sieben Ost-Grenzpolizisten und -soldaten. Sie rauchen, einer blickt durch den Stacheldrahtzaun hinüber zu den Menschen im Westen.

Er erlauert, dass da was nicht stimmt. Die Leute verhalten sich auffällig, normabweichend.

Subjektiver Blick durch die Augen des Grenzsoldaten. Er sieht Hans. Und gerade Hans´ Blick zu seinem Sohn ist es, der den Blick des Ostgrenzers auf die heiße Stelle lenkt.

Der Soldat halblaut: Scheiße, Mann.

Los, Alarm! Gib Alarm Mann!

Schon schreien die Polizisten Befehle .

Oben bei Paul. Er sieht nach Lavinia.

Die Alarmsirene beginnt repetierend zu heulen.

Das Ehepaar hofft weiter, den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen. Hans ist erregt, besorgt, erschrocken, sieht sich um.

Schnitt.

Im Zimmer bei Paul und Lavinia.

Lavinia versucht, Möbel vor die Tür zu schieben, um Zeit zu gewinnen, wenn die Grenzsoldaten einzudringen versuchen.

Die Kommode ist zu niedrig, um die Türklinke zu blockieren.

Die Soldaten haben die Tür erreicht. Schreie von draussen. Paul sitzt immer noch auf der Fensterbank. Die Feuerwehr kommt und kommt nicht.

Die Männer beginnen, die Tür einzuschlagen, Lavinia hält dagegen, schreit zu Paul

Bleib am Fenster, bleib am Fenster!!!

Paul gehorcht nicht, er steigt von der Fensterbank, will Lavinia helfen.

Wir wieder unten bei den Eltern.

Wir sehen, was sie sehen, dass Paul vom Fenster verschwindet.

Hinter Hans und Katharina stehen jetzt schon circa zwanzig, dreissig Passanten. Hans hat Angst, fasst trotzdem seine Frau um die Schulter, hält sie.

Oben im Zimmer.

Schreie. Die Polizisten brüllen, man solle die Tür aufmachen.

Die Tür zerbirst unter den anhaltenden Schlägen eines Feuerbeiles.

Insert auf Hände und Füße der Beiden im Zimmer, wir sehen, wie ihre Kraft nicht ausreicht, dass ihre Füße samt Kommode über den Boden rückwärts gedrückt werden.

Die beiden können die Kommode nicht mehr halten.

Lavinia stürzt.

Ein Grenzsoldat gibt der Tür wütende Schläge mit den Gewehrkolben.

Er durchschlägt die Tür. Paul rennt zum Fenster, Lavinia schreit auf ihn ein…

Wir verstehen sie nicht, aber Paul entscheidet sich in seiner Panik, Schutz bei Lavinia zu suchen, er rennt zu ihr hin, umklammert sie, hat Angst.

Die Tür gibt nach.

Mehr als zehn Grenzsoldaten dringen ein, zielen mit Gewehren auf die weinende Frau und den Knaben.

Der Fluchtversuch ist misslungen.

Unser letzter Blick hier oben im Zimmer fällt auf Lavinia und Paul. Lavinia hält Paul fest an sich gedrückt, über ihre Schulter sehen wir den verängstigten Kinderblick.

Schnitt.

Von Draussen auf das Fenster.

Die schwarze Silhouette eines Grenzsoldaten nähert sich und schließt die Fensterflügel.

Schnitt.

Wir direkt vor Hans und Katharina. Sie hören auf, zum Fenster hinaufzusehen. Hinter ihnen fährt die Feuerwehr vor, ein großer Einsatzwagen mit Leiter.

Katharina ist noch starr entsetzt.

Hans schwarzer leerer Blick ist bereits dort, wo er seinen Sohn finden wird:

im Nirgendwo.

Er dreht sich um und geht langsam zwischen den Leuten hindurch weg von der Stelle. Er verschwindet aus unserem Blickfeld.

Die Kamera geht in die Vogelperspektive, über die Kopfe der Menschen hinweg.

Wir hören im Voice over den Erzähler.

Die Kuhlkes warteten –

….auch als klar wurde, dass sie ihren Sohn nicht wiedersehen würden.
….Als sie ihr Leben weiter führten, warteten sie.


Wie so viele.

Sie warteten achtundzwanzig Jahre, zwei Monate und achtundzwanzig Tage.


Dann fiel die Mauer.

….und als sie sich wieder trafen,
waren sie sich fremd.

- – -

2006-2007 Heino Ferch – Hans Kuhlke, Inka Friedrich – Katharina Kuhlke, Iris Berben – Lavinia Kellermann, Axel Prahl – Erwin Sawatzke,

Frederick Lau – Paul Kuhlke, Wilfried HochholdingerHorst Klingspiel (Erzieher im sozialistischen Geiste), Markus BoysenRechtsanwalt Dr. Hanno von Krampnitz

- – -

Interview Stärke Schwäche Berliner Morgenpost ->

11.3.2007

Filmszenen I “Hans!-…gibt´s den nich´mehr oder was?” in: Die Mauer-Berlin ´61. Teil 3. 2005-06

Teaser zum Film: Die Mauer-Berlin ´61

Bildquelle und alle Bildrechte bei teamWorx Filmproduktionsgesellschaft und WDR (Westdeutscher Rundfunk)

Hören statt Lesen – Kino für die Ohren Audio.mp3 (Sprecher: ignazwrobel)

<-<- zurück zu Teil 2 weiter zu Teil 4 Schluß->->

Vor der Szene.

Das Ehepaar, Hans und Katharina Kuhlke, hofft, dass der Möbelhausbesitzer Erwin Sawatzke ihnen Geld für einen Anwalt vorstreckt.

Der Anwalt soll versuchen, Paul, den Sohn, zu seinen Eltern in den Westen herauszuschleusen.

Erwin gibt Katharina hinter Hans Rücken wortlos zu verstehen, dass er das Anwaltshonorar gegen Bezahlung in Form von sexueller Dienstleistung vorstrecken wird. Katharina geht darauf ein.

Nach erfolgtem Beratungsgespräch mit dem Anwalt sagt sie Hans, was geschehen ist. Hans regelt die Sache mit der Faust. Das Vertrauen zu seiner Frau jedoch hat verheerenden Schaden genommen. Und: der Anwalt musste seine Hoffnung zerstören, Paul mit rechtstaatlichen Mitteln wiederzubekommen.

Das Ehepaar nimmt Quartier im Übergangslager Marienfelde.

Die Verhältnisse dort ähneln den Zuständen in einer völlig überfüllten Jugendherberge während der Hochsaison. Das letzte Eckchen Privatheit muss dort aufgegeben werden. Hans verliert zusehends an Kraft, nach aussen zu agieren. Er zieht sich völlig in sich selbst zurück.

Der Verlust seines Sohnes, der Verlust der Frau, ihrer unbedingt zuverlässigen Solidarität, schiebt ihn in eine persönliche Einsamkeit, die jeden Handlungsimpuls erstickt.

Die Szene.

Wir sehen Hans und Katharina in einem mit Metallstockbetten vollgestopften Saal. Es ist Abend. Hans liegt auf dem unteren Bett. Katharina deckt ihn zu und geht hinaus.

Draussen hört sie, dass der amerikanische Vizepräsident Lyndon B. Johnson Marienfelde besuchen wird.

Anderntags malen die Frauen Transparente für den Besuch. Auf den Bannern formulieren sie ihre Bitten an den Vizekanzler. Hans hilft nicht mit.

Er liegt nur passiv auf seinem Bett. Katharina kann ihn nicht dazu bewegen, mitzumachen.

Turnsaal.

Wir blicken Katharina über die Schulter und sehen ihr zu. Sie schreibt:

Ich will mein Kind zurück.

Plötzlich ist sie wütend. Sie springt auf und geht in den Schlafsaal.

Hans liegt angekleidet auf der unteren Liege des Stockbettes, die Hände in den Hosentaschen vergraben und starrt bewegungslos geradeaus auf den Unterboden der Liege über ihm.

Katharina:

Jez´ hör´ mal zu Hans!

Du hast aufgegeben!

Ich hab nich´ aufgegeben und ich werd´ auch nich´ aufgeben.

Keine Reaktion.

Überhaupt keine Reaktion.

Hans schaut Katharina nicht an, er starrt weiter auf einen Fleck der Liege über ihm.

Katharina:

Dein.. dein Trauergesicht. Ich kann das nicht mehr sehen!! Jetz´komm`, – steh´auf.

Sie greift seinen Ellenbogen. Hans dreht sich sofort von ihr weg, legt sich auf die Seite, verschränkt die Arme.

Katharina: Hans wir müssen irgendwas tun!

Hans leise, monoton: Was solln wir denn tun verrat mir das mal.

Katharina rüttelt Hans am Arm.


Hans will keinen Kontakt aufnehmen, seine Aufmerksamkeit klebt weiter im Nichts.

Als sie ihn zu sich hindreht, hat er keinen Blick mehr.. Seine Augen – zwei schwarze Löcher ohne Licht..

Katharina sehr wütend:

Ich hab´ Dich geheiratet, weil ich Dich bewundert habe.

Weil ich gedacht hab´ dass wir zusammen das Leben hinkriegen.
Besser hinkriegen.

Sie rüttelt ihn immer wieder am Arm.

Hans senkt die Lider, blendet die Aussenwelt aus, hält seine Hände fest geschlossen, dicht und starr an seinem Leib und lässt den Impuls von Katharina nicht zu sich durchdringen.

Er scheint mit einer zähen Nein-Bewegung aus dem Nacken ein lass mich anzudeuten.

Er dreht sich wieder in Seitenlage, von Katharina weg.
Jetzt hängt
er seinen Blick an ein Fleckchen an der Wand, lässt nicht los.
Er hört nichts. Katharinas Worte schwallen über ihn hinweg.

Katharina:

Ich erstick hier fast an diesem Schwachsinn. An ´nem Kerl, der im Bett rumliegt..

Steh jetzt auf, Hans, jetzt steh auf!!

Keine Reaktion.

Hans steh auf jetz´, komm…

Katharina packt ihren Mann am Arm und zerrt ihn von der Liege.

Raus jez´hier, los mach…!

Sie zerrt und zerrt, kurz bevor er fällt, fängt er sich und geht in die Vertikale.

Hör auf! Hören wir ihn herausdrücken.

Inzwischen schaut der ganze Saal. Alle starren die beiden an.

Endlich steht er.

(…)

Sie schubst ihn.

Mensch Hans! Wo issn´ der Hans, den ich kenne, gibt´s den nich´ mehr oder was.

Jedes Mal, wenn Katharina ihn stößt, reagiert er zäh. Er wirkt, wie jemand, der ganz und gar in Ruhe gelassen werden will, aber nicht ausweichen kann.

So, als wolle er den Stoß abschütteln wie etwas Lästiges. Und gleichzeitig so, als wäre er gewohnt, geschlagen zu werden, ohne Erlaubnis auf eine Abwehrbewegung. Er lässt sich stoßen, ohne Gegendruck, und sucht erst dann, verzögert, wieder sein Gleichgewicht.

Close up Hans.

Er starrt wieder vor sich hin, auf ein Fleckchen auf der Liege.

Sein Gesicht, die erstarrte Trauer auf den Wangen, im Blick, der fest verschlossene Mund. Vergeblich suchen wir dieses Gesicht nach einer, irgendeiner kleinen Stelle ab, die uns versichern könnte, dass da Wille, Hoffnung, Denken, Nachdenken ist.

Da ist nichts mehr.

Keine Person.

Kein Ich.

Nur noch eine Hülle um ein Garnichts herum. Hans gibt es nicht mehr.
Die Person Hans ist zusammengeschnurrt, zusammengezogen, geschmolzen und hat sich an einen von aussen unerreichbaren Ort zurückgezogen.

Katharina bemerkt das mit großem Schrecken.

Sie versteht nicht, was passiert, aber das Verschwinden eines greifbaren Ich jagt ihr Angst ein, Panik, sie versucht, ihn wieder herbeizuzerren von dort, wohin er zu verschwinden im Begriff ist..

Sie weint und schlägt ihn.

Das kann doch nich sein!!

Wut und Verzweiflung.

Wegen Dir kann ich nich mehr zurück zu meim Kind!

Jetzt schlägt sie ihren Mann dafür, dass er Schuld ist an diesem Alptraum hier.

Sie braucht ja auch eine Erklärung für das alles, für ihre Verzweiflung.
Trotzdem: Fehler.

Kardinalfehler.

Er nimmt die Schläge hin..

Sein Gesicht zeigt etwas, was eigentlich niemals irgend ein Gesicht eines Menschen zeigen dürfte, solange das Wort Menschlichkeit noch Bedeutung hat.

Zwischen den Augen auf der Stirn erscheinen jetzt die Zeichen eines Schmerzes, der.. nun… der…ein übervolles Mass an alter Erfahrung unmenschlichen Mißhandeltwerdens mit der akuten Erleben mischt und…………….

Den Mann abstürzen lässt.

Er fällt.

- – -

<-<- zurück zu Teil 2

2005-2006 Heino Ferch – Hans Kuhlke, Inka Friedrich – Katharina Kuhlke.

- –

Unsere mageren Worte geben nur einen vagen, skizzenhaften Eindruck der hervorragenden Darstellungsleistung in dieser Szene. Am besten sehen Sie sich die Szene selbst noch einmal an. -
Wie das unbewußt zunehmende,
sprachunfähige Leid das Bewußtsein des Mannes mehr und mehr einschränkt, bis sein Wille, er, kollabiert, ist m.E. von Heino Ferch atemberaubend genau, beeindruckend dargestellt. Fantastisch auch das schnelle Auseinanderdriften von Katharinas hilflos eskalierender Wut und Hans´ Gegenbewegung in die Implosion.

11.3.2007

Filmszenen I …Nu mach´doch mal n´schöneret Jesicht!… in: Die Mauer. Teil 2. Porträt Hans Kuhlke – Heino Ferch. 2005-06

 Teaser - Film: Die Mauer - Berlin ´61

“…Nu mach´doch mal n´schöneret Jesicht!….” in: Die Mauer-Berlin ´61. Teil 2. Porträt Hans Kuhlke – Heino Ferch. 2005-06

<-<- zurück zu Teil 1           Weiter zu Teil 3->->


Hören statt Lesen – Kino für die Ohren: Audio.mp3

Hans und Erwin im Auto. Erwin am Steuer.

Close Up auf Kuhlkes Gesicht. Er wirkt, als wäre ihm die Situation unangenehm, warum, wissen wir noch nicht.

Erwin: Nu mach´doch mal n´schöneret Jesicht!

Kuhlke versucht es tatsächlich.

Erwin: Biss´ doch ´n Glückspilz. Ha? Komms´ rüber, hass´ gleich Arbeit…

Erwin forciert künstliche Fröhlichkeit.

Gleich durchstart´n, hm?

Lacht unternehmerisch. Wie sehen, dass er noch einmal zu Kuhlke hinüberblickt. Was er da zu sehen scheint, ist offensichtlich ein Null-Echo.

Schnitt.

Eine offene Wohnungstür.

Kuhlke steht im Türausschnitt.

Über dem einzigen Hemd, das er jetzt noch besitzt, dem „Westhemd“, trägt er eine viel zu große Anzugjacke, offensichtlich Leihstück von Erwin, der recht stämmig ist. Unter dem Arm eine zerschlissene Aktentasche. Er sieht erbarmungswürdig „falsch“ aus.

Er fühlt sich unwohl. Er stammelt

Ich…a….ich bin von Möbel-Sawatzke. Sie sind drei…

Schnitt auf die angesprochene Person. Ein älterer korpulenter Mann mit Brille und Hauskleidung, Großvater-Strickweste, Karohemd.

Der Mann hört zwar zu, versteht Kuhlkes Gestammele aber offensichtlich nicht ganz.

….drei Raten in Rückstand und wir haben Sie jetz´ schon vier Mal…

Kuhlkes Text klingt auswendig gelernt und von ihm selbst nicht verstanden.

Wieder Schnitt auf Kuhlke:

Scheinbar fühlt er auch, dass etwas nicht stimmt. Er schüttelt den Kopf wie ein Schüler, der sich beim Vorsprechen eines Gedichts vertan hat und sieht in einem Zettel nach, den er in der Hand hat. Er blättert.

..Sie sind…

Er findet die entsprechende Stelle nicht.

Wir sehen, dass er sich immer schlechter fühlt.

Er zögert einen Moment. Wir fühlen, dass in diesem Zögern ein einziges Gefühl stark und präsent ist:

Der Wunsch, weit weg zu sein aus dieser Situation. Der Zettel in seiner Hand scheint ein sinn- und bedeutungsloses Stück Papier.

Er blickt auf.

…Sie sind vier Raten in….

Wieder sieht er in den Zettel. Jetzt vielleicht, um dem Mann nicht mehr ins Gesicht sehen zu müssen. Noch mehr brauchen wir nicht mitzubekommen. Die Situation ist verloren.

Schnitt

Wieder im Wagen. Erwin ist sauer, schweigt Kuhlke verärgert an.

Kuhlke schielt nach ihm, Verlierergesicht, schuldbewusst.

Zweiter Versuch.

Wir stehen hinter Kuhlke und blicken dem zahlungsrückständigen Kunden ins Gesicht. Ein Fleischertyp mit Cholerikerphysiognomie.

Der Fleischer knurrt:

Wasss denn…?

Kuhlkes ängstlich unterlegen gequältes Beschwichtigungs-Verliererlächeln weckt in uns den Wunsch, sofort wegzusehen, um dieser Prostitution des Selbstwertgefühls eines Menschen nicht mehr durch unsere Blicke eine noch größere Beschämung hinzuzufügen.

Jetzt traut sich Kuhlke zwei Worte zu sagen, schüchtern:

…Möbel Sawatzke. ..

Knall. Die Wohnungstür fällt ins Schloß.

Kuhlke legt den Kopf ein wenig schief, es kommt noch ein Wort, obwohl die Tür schon zugeknallt ist:

…ich….

Oh Jesus Christ, ist das furchtbar. Wie kann ein Mensch nur so ohne jede seelische Stabilität auf einer Eisscholle innerer Verlorenheit treiben…(Jungs wo seid ihr denn alle? Marc Bittner, gib ihm was von Deinem lauernden Sadismus, Hanno gib ihm was von Deiner Zukunftsgläubigkeit, Georg Meier, gib ihm was vom Deiner Renitenz, Barbie, gib ihm Deine Wut, Weber, gib ihm Dein Ego, Mühlhausen, gib ihm ein Gran deiner geistigen Wendigkeit!
Keine Antwort.
Ich weiß auch nicht, wo sie sind. Scheinbar irgendwo in der Vergangenheit verschwunden.)

Die Quälerei hat ein schnelles Ende. Kuhlke hat nicht mal einen Eröffnungssatz geschafft.

Auto.

Kuhlke, zerknirscht:

Ich kann das im Moment nich…

Erwin. Ach, hoe´ doch uff, wat isdenndadabei? Immer zuerst den Fuss in die Tür….

Kuhlkes Blick? Uns sträubt sich die Feder. (Haben Sie schon mal ein nicht sehr großes Tier angeschrien, ihren Hund vielleicht, ihre Katze? Erinnern Sie sich?)

Erwin. Det is doch janz klaar.

Schnitt.

Dritte Wohnung.

Ein junges Paar. Die Frau in Latzschürze, der Mann im Karohemd. Arme Leute. Wir stehen wieder schräg hinter Kuhlke.

Die Frau weint. Kuhlke hat Sawatzkes Forderung offensichtlich schon vorgetragen.

Schnitt auf Kuhlke.

Er steht wieder im Türrahmen. Hinter ihm ein Tapetenmuster, als hätte jemand Sauerkraut an die Wand geworfen. Neben seinem Kopf sehen wir ein Wandschmuckbild- Holzschnitt im weissen Balkenrahmen: Rotkäppchen und der Wolf.

Kuhlke ist kein Wolf. Er hat Mitleid. Er sagt nichts. Er sieht der Verzweiflung der Frau selbst verzweifelt zu.

Schnitt.

In Erwins Möbelhaus.

Erwin hängt Lampen auf und erzählt Katharina Kuhlke, was er mit ihrem Mann erlebt hat:

….na ja, und denn – isser losjerannt……..einfach los.

Is abjehaun…

….. na kann man ja auch irjendwie vaschtehn…

…. is ja auch furchtbar allet….

<-<- zurück zu Teil 1 Weiter zu Teil 3->->

2005-2006 Heino Ferch – Hans Kuhlke, Inka Friedrich – Katharina Kuhlke, Axel Prahl – Erwin Sawatzke.

3.3.2007