Monatsarchiv: Januar 2011

Filmszenen I …Menschen wie ich….. Teil 1B. in: Tenderness-Auf der Spur des Killers. Russell Crowe – Det. Cristofuoro. R.: J. Polson 2006-08

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Vor der Szene

Lorelei kommt heim, nimmt eine Dusche. Sie bemerkt: der Freund ihrer Mutter hat sie offenbar heimlich beobachtet. Wir sehen an ihrem Arm die typische Rasierklingen-Narbe selbstverletzenden Verhaltens.

Ihre Mutter schenkt ihr eine CD – für die gute Mathearbeit. Es ist die genau dieselbe CD, die Lorelei gerade gestohlen hat.

Die Mutter, auf der Suche nach einem neuen Partner, wünscht sich mehr Nähe mit ihrem aktuellen Freund, er wird in diese Wohnung ganz einziehen. Wir wissen, der Mann ist nicht o.k.

Die Szene

Ein Fensterbrett. Darauf eine kitschige Glasmenagerie von Schneekugeln in Tierform, Souvenirs, ein gläserner Delphin…

Durch das Fensterglas sehen wir einen S-Bahn in hohem Tempo vorbeifahren. Die Wohnung ist direkt neben dem Bahngleis, wie Loreleis Haus auch.

Schnitt. Halbtotale.

Das Zimmer. Konventionelles Möbelsammelsurium kleinbürgerlicher Sehnsucht nach Privatidylle, zwei Sessel rahmen symmetrisch ein Tischchen am Fenster. Kirschholzfarbenes Sideboard, ein Tiffany-Imitat darauf.

Auf dem Tischchen eine große Glaskugel mit einem lebenden Fisch. Er ist nicht tot, aber in dieser Kugel gefangen, wie all die gläsernen Erinnerungen auf der Fensterbank.

Wir bemerken einen Mann.

Näher bei uns. Er liegt in seinem Fernsehsessel. In der typischen Pose, in der man liegt, wenn man vor dem Fernseher eingeschlafen ist.

Kurzärmeliges Unterhemd, Stoffhose, Mitte vierzig, Bauchansatz_beginnings_of_a_paunch, volles Haar, Seitenscheitel, Schnurrbart.

 

Er wirkt wie jemand, der noch unlängst kraftvoll war. Aus irgendeinem Grund scheint er heute auf dem Weg zu sein, immer mehr zu verlieren.

Seine Augen sind geschlossen. Er schläft.

 

 

Die Stimme aus dem off:

Some people live for their pain. Manche Menschen leben für ihren Schmerz.

It´s all they´ve got. Er ist alles, was sie haben.

Wir sehen, wie der Mann atmet, die tiefen Atemzüge schlafender Menschen.

Schnitt. Close up , Kopf und Schultern.

Wir stehen direkt vor ihm. Halbdunkel. Sein Kopf ist zurückgesunken, das Gesicht verschattet, nur von der einen Seite trifft ihn die Helligkeit des Fensters.

Die Stimme, seine Stimme:

They stay up with it, - Sie hegen ihn,

Schnitt. Very close up auf ein Auge. Wir sehen seine braunen Wimpern, nicht sehr dicht, das Licht läßt die eine oder andere golden aufleuchten. Der Augapfel bewegt sich. Traumphase.

..afraid, it might slip away. ..haben Angst, er könnte verschwinden.

Jetzt bewegt sich auch das Augenlid, wir sehen, wie sich das Auge öffnet. Der Mann erwacht.

People like me. Es sind Menschen wie ich.

…Dunkle Pupille, das Augenweiß leicht rötlich geädert. Keine große Bewegung. Der Mann blickt dorthin, wohin er sah, als er die Augen öffnete. Eine Sekunde später kommt Unruhe in seinen Blick

 

I would love to dream Ich würde gern träumen.

Der Wecker klingelt.

But one way or another…doch egal, was ich tue –

Er wendet sich nach dem Wecker, nimmt ihn in die Hand, blickt auf das Zifferblatt.

I´m always awake…ich bin immer wach.

Schnitt. Insert. Wir sehen, wie seine Hand die Uhr auf das Kirschholztischchen neben sich stellt. Ein altmodisches Gerät mit Messinggehäuse und perlmuttschimmerndem Zifferblatt.

Beiläufig erkennen wir einige Gegenstände auf der Tischplatte.

Handy, Armbanduhr, Notizblock, Geldbörse, ein Telefon, seine Dienstwaffe. Sie liegt bereit, jedoch nicht griffbereit. Hier liegt alles, was er täglich mit sich führt und – ach, ja, und da steht ja auch ein Foto. Wir bemerken es, als seine Hand sich vom Wecker zurückzieht. Halb acht.

Das Foto zeigt ganz unverkennbar ihn, viel jünger, schlank, mit Cap und Rucksack. Neben ihm, ebenfalls mit Rucksack, eine hübsche junge Frau, sie lacht. Die Beiden wohl im Trekkingurlaub, Nepal, oder wo junge Leute so hinfahren, zumindest den steilen grünen Bergen im Hintergrund nach.

Glückliche Zeiten.

2006 – 08 Russell Crowe – Det. Cristofuoro

demnächst: Teil 1C


 

 

Filmszenen I…Menschen wie ich…Teil 1A in: Tenderness -Auf der Spur des Killers. Russell Crowe – Det. Cristofuoro. Regie: John Polson, USA, 2006-08

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Intro (zum vergrößern auf den Text klicken):

Die Szene

Ganz nah im Profil Augen, geschlossen. Wangen, Nase, Münder, Gesicht an Gesicht. Zwei Menschen küssen sich, zwei sehr junge Menschen. Ein Junge und ein Mädchen.

Schnitt

Ganz nah die Zeilen eines Notizbuches, Ausschnitt einer Seite, ein Stift zeichnet Konturen. Nach einer Weile sehen wir die Seite komplett. Die Konturen wiederholen den Kuss. Wangen, Nase, Münder, Gesicht an Gesicht. Eine Hand zeichnet weiter…

Schnitt.

Wieder sehen wir die beiden Gesichter, das gepiercte Ohr des Mädchens, den Daumen des Jungen auf ihrer Wange …

.. und jetzt die Umzeichnung.

Der Bildschirm wird dunkel.

Ein Wort erscheint.

TENDERNESS.

In die Dunkelheit hinein hören wir die warme, weiche und dunkle Stimme eines Mannes Mitte Vierzig.

My wife likes to say, there are two kinds of people. Meine Frau sagt gerne, es gibt zwei Arten von Menschen.

Schnitt.

Ein Supermarkt. Millionen von Packungen, Regale, Regale Regale. Das ganze Bild: ein feinkörniges Puzzle bunter Packungen. Die Kamera, auf leicht erhöhtem Standpunkt wie eine Überwachungskamera, fährt langsam an der bunten Masse von banalen Alltagswaren entlang. Große Schilder über den Warenbergen. Regal 5. Alles für 99 Cent – or more “ “ Regal 6 Alles für 99 Cent – or more…”

Wir hören freundliche Gitarrenklänge, hoch, ätherisch, im Flageolett.

Die dunkle Stimme fährt fort:

Those chasing pleasure – Die einen jagen dem Vergnügen hinterher –

Schnitt.

Ein Schreibtisch, die Kamera fährt langsam daran entlang, ein Mann, circa dreissig, kommt ins Bild

And those running from pain. Und die anderen werden vom Schmerz getrieben.

 

Der Mann scheint zu leiden. Wir sehen ihn von der Seite, er wirkt wie im Fieber, geschwächt, die Augen halb geschlossen, sein Kopf bewegt sich leicht in einem eigenartigen Rhythmus. Er wirft den Kopf in den Nacken.

Schnitt.

Gegenschuss. Wir blicken dorthin, wohin der Mann auch sieht. Ein blondes Mädchen in Blue Jeans und der Weste der Supermarktangestellten lehnt vor ihm an einem Sideboard.

Sie hat ihren gelben Pullover über ihre Brüste hochgezogen, wir sehen ihren BH und ihren na c kt en Bauch. Sie präsentiert sich. Gelangweilt.

Sie wartet. Blickt irgendwohin. Hinter ihr Aktenablagen, ein Fernseher, Radio. An der Wand die Werbezettel des Marktes. Neben ihr eine Wanduhr. Es ist zehn vor halb sieben.

Die Stimme:

Lorelei Cranston is running. Lorelei Cranston ist auf der Flucht.

Schnitt auf den Mann. Er sitzt zurückgelehnt in seinem Sessel, scheinbar tief in einem unverständlichen Schmerz versunken. Nur seine schaukelnden Bewegungen erklären uns, dass er keine körperliche Pein empfindet. Er atmet schwer.

Wieder die Stimme:

Running from all kinds of everything. Auf der Flucht vor allem möglichen.

Schnitt auf Lorelei. Sie lauert mit einem Blick nach dem Mann. Wann er endlich fertig ist. Dann sieht sie wieder ins Nichts. Schnitt.

…Probably has been her whole life. Wahrscheinlich schon ihr ganzes Leben lang.

Lorelei im Supermarkt. Sie nimmt sich – quasi als Belohnung für ihren Dienst – eine Musik- CD und steckt sie in ihre Tasche. Der Supermarktleiter sieht ihr durch das Beobachtungsfenster hindurch zu. Er ist endlich fertig. Sein Hemdkragen ist offen, er schwitzt, er wirkt unglücklich, gequält.

Schnitt. Ausssen. Lorelei mitten im Grün, sie läuft zu Fuss. Es ist eine scheinbar vergessene Gegend, alte rostige Gartenstühle, ein weggeworfener Einkaufswagen, Fabrikgebäude, ein Bahngleis, rostig.

Die Stimme im voice over:

You ask me: nobody gets to escape their pain. Wenn Sie mich fragen – niemand kann seinem Schmerz entfliehen.

Die Musik kommt zu einem Ende, liebevoll, hell, friedlich, beruhigend.

Die Kamera fährt Lorelei voraus, wir blicken an einem alten Pfosten mit ragenden Kabelenden vorbei auf die Leinwand eines Autokinos. Verlassen, vergessen, out of order.

Unsere Stimme im off:

It´s there when you brush your teeth at night. Er ist da, wenn Sie sich abends die Zähne putzen-,

Wir sehen Lorelei herankommen.

It´s there before breakfast. -und morgens vor dem Frühstück.

Wir sehen ihr dabei zu, wie sie weiter läuft, sie kommt dabei ein wenig näher.

Die Stimme:

It´ll come up fierce and sharp – Wild und beissend kommt er daher,

It´ll lay in you, blunt and heavy. und liegt einem schwer im Magen.

Schnitt. Wir laufen dicht neben Lorelei her. Sie hört .mp3 und hält eine Kladde in der Hand. Später erfahren wir: ihr Tagebuch. Hinter ihr das Bahngleis, alte Häuser, geparkte Autos. Der Zug kommt. Eine S-Bahn. Sie hupt, rast an Lorelei vorbei.

Schnitt. Wir bleiben zurück und sehen ihr und dem Zug nach. Es ist Abend. Zwei Fabrikschornsteine ragen in das Rosenrot der Stunde zwischen Tag und Dämmerung.

Unsere Stimme im off:

Most you can hope for is one good day. Im besten Fall kann man auf einen guten Tag hoffen.

Die Kamera hebt sich langsam, schwebt höher über die rostigen Gleise, die verlassenen Gebäude, die Fabrikschornsteine und den kleinen Menschen in Blue-Jeans-Blau und Pulligelb, der dem Abendrot entgegengeht.

Die Stimme:

As on a good day, you get to tell yourself: An einem guten Tag sagt man zu sich:

Schnitt. Lorelei ist zu Hause angekommen, wir warten auf sie an der Eingangstür. Das Haus liegt erhöht mit Blick auf eine Stromtransformatoren-Station, auf rote Backsteinmauern, urbanes Nutzgrün am Horizont. Vergitterte Fenster, Leichtbauweise, Feuertreppen. Mietshaus, alt und eng.

Die Stimme:

“I can fix this.” “Ich krieg das hin.“

“Today can be different.” “Heute kann es anders laufen.“

Lorelei erreicht die Eingangtür.

Die Stimme:

„Today – something might change.” “Heute – könnte sich etwas ändern.“

 

2006-2008 Russell Crowe (im Alter von 42) – Stimme im off/ Detective Cristofuoro, Sophie Traub – Lorelei Cranston.

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Kommentar:

Filmkritik auf Filmstarts.de->

Die Szene ist irgendwie packend. Sehr interessant.

Aber erst in der Analyse bemerken wir, dass sie perfekt gebaut ist, die ausgewählten Bild-Erzählsequenzen, der Inhalt des Textes, die Art, wie er gesprochen wird (englische Originalversion), die unschuldige Stimmung der Musik, die Perfektion, mit der Musik und Text verzahnt sind.
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Die Präzision der Choreografie, der Bewegungen Cristofuoros (Russell Crowe) zusammen mit dem Text; der Höhepunkt ist erreicht bei „People like me.“
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Der Satz_sentence trifft uns wie ein Schlag.
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Wir werden rasch so nah an den Protagonisten herangeleitet, dass wir unvermittelt quasi seinen Herzschlag hören können.
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Auch die Bildkomposition, im Film heißt das ja Kadrierung, ist interessant.
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Fülle und Leere stehen sich in jedem Bild gegenüber. Die Fülle ist dort, wo die Filmfigur steht, an einer Bildseite, neben und hinter ihr füllt den Bildausschnitt ruhiger, leerer Raum. Die Kadrierung erzählt uns einen wichtigen Teil der Story. Die leeren Flächen können uns an das Thema Einsamkeit heranführen.
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Die Kadrierung betont auch das Eigenleben und die Ausstrahlung der Dinge, der Gegenstände, Möbel, Räume, Stadtlandschaften, alles wirkt, wie „von hinten“ gesehen.
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Nicht der Glanz frontaler Schönheit wird präsentiert, sondern das Abseits, das Verlassene, Vernächlässigte, Verstaubte, die Räume zwischen den Räumen, die Rückseite der Dinge.
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Kostüm. Cristofuoro beobachten wir, wie er sich fertig ankleidet. Bald schon wird uns bewußt, dass er ohne zu diesem Zeitpunkt ersichtlichen Grund Berufskleidung trägt. Bald werden wir erfahren: er ist früh pensioniert.
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Die korrekte Komplettheit seiner Kleidung, Unterhemd, Hemd, Krawatte, Pullunder mit passendem V-Ausschnitt, Stoffhose statt Trainingshose (!) Jackett mit dem Abzeichen seiner Berufsidentität, sogar die Dienstwaffe, bahnt geradezu eine Trasse von Selbstdisziplin durch den Alltag persönlicher Fragmentierung.
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Symbolik:
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Den Anfang der Bildsequenz, die uns Lt. Cristofuoro bei sich zu Hause vorstellt, macht die Nahaufnahme einer Glasmenagerie auf der Fensterbank.
.Für amerikanisches Publikum enthält die Sammlung von Glastieren natürlich sofort die Subtextbedeutung:
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Tennessee Williams: The Glass Menagerie.
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(Tennessee Williams ist auch der Autor von „A Streetcar Named Desire“ – Endstation Sehnsucht, der Film, der dem jungen Marlon Brando den Durchbruch brachte.)
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Im Theaterstück und in diesem Film „Tenderness“ geht es um kranke und missglückte familiäre Beziehungen, die Schmerz bis zur Todessehnsucht bringen. Die idee fixe, die den Subtext von Tenderness durchzieht, ist: Sehnsucht.

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Text Intro barrierefrei:

Meine Frau sagt gern: es gibt zwei Arten von Menschen.
Die einen jagen dem Vergnügen hinterher –
Und die anderen werden vom Schmerz getrieben.
Lorelei Cranston ist auf der Flucht.
Auf der Flucht vor allem möglichen.
Wahrscheinlich schon ihr ganzes Leben lang.
Wenn Sie mich fragen – niemand kann seinem Schmerz entfliehen.
Er ist da, wenn Sie sich abends die Zähne putzen-,
-und morgens vor dem Frühstück.
Wild und beissend kommt er daher,
und liegt einem schwer im Magen.
Im besten Fall kann man auf einen guten Tag hoffen.
An einem guten Tag sagt man zu sich:
Ich krieg das hin. Heute kann es anders laufen.
Heute –
könnte sich etwas ändern.

(Szene Mutter und Tochter Auslassung.)
Manche Menschen leben für ihren Schmerz.
Er ist alles, was sie haben.
Sie hegen ihn,
haben Angst, er könnte verschwinden.
Es sind Menschen wie ich.

My wife likes to say, there are two kinds of people.
Those chasing pleasure –
And those running from pain.
Lorelei Cranston is running.
Running from all kinds of everything.
…Probably has been her whole life.
You ask me: nobody gets to escape their pain.
It´s there when you brush your teeth at night
It´s there before breakfast.
It´ll come up fierce and sharp –
It´ll lay in you, blunt and heavy.
Most you can hope for is one good day.
As on a good day, you get to tell yourself:
“I can fix this.”
“Today can be different.”
„Today, something might change.”
(Mutter – Tochter – Auslassung)
Some people live for their pain.
It´s all they´ve got.
They stay up with it, -
afraid, it might slip away.
People like me.

Filmszenen I …nein, ich will mit.. in: Jedermann. Teil 2. Jedermann – Ulrich Tukur. Buch: Hugo von Hoffmannsthal. Regie:Gernot Friedel 2000 Salzburg

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Vor der Szene.

Jedermann hoffte auf Begleitung bei seinem letzten Gang, den Gang vor das Jüngste Gericht.

Vor Gott muss er Rechnung legen, Rede und Antwort stehen. Wie hat er gelebt? Egoistisch oder sozial gerecht?

Eine Person soll mit ihm gehen und für ihn sprechen. – Doch leider, keiner will mit in „ jenes unentdeckte Land, von des Bezirk Kein Wandrer wiederkehrt“ (Hamlet III,1). Sein Spezl, der Gesell nicht, seine Verwandten, der dicke und der dünne Vetter nicht und auch sein Geld, der Mammon, will nicht mit. Geld und Gold, so sagt der Mammon, regieren hier auf Erden. Im Himmel hat er nichts zu suchen.

Jetzt ist Jedermann ganz allein.

Allein soll er seinen letzten Gang gehen, mit leeren Händen und unvorbereitet.

Allein steht er auf der Bühne vor dem Dreifachportal des Gotteshauses in Salzburg. Da hört er eine leise Stimme:

Die Szene

Kaum sichtbar, in ein dunkelrotes Leichentuch gehüllt, liegt am Bühnenrand eine Gestalt. Sie ruft schwach.

Die Guten Werke
Jedermann!

Jedermann hört nicht

Die Guten Werke
Jedermann, hörst mich nit?

Jedermann sieht sich um. Er ist völlig erschöpft.

Jedermann
Ist als wenn eins gerufen hätt,
Die Stimme war schwach und doch recht klar.

Jedermann krümmt sich zusammen, Schmerz, Erschöpfung, Angst, er ist kurz vor den Tränen.

Wieder die Stimme, wir sehen die Gestalt jetzt nah. Es scheint eine Frau zu sein. Auch ihr Kopf ist vom Tuch umhüllt. Sie bewegt sich schwach.

Die Guten Werke
Jedermann!
Hörst mich nit, Jedermann?

Jedermann kommt näher, bis er zu erkennen glaubt, wer oder was hier liegt.

Jedermann
Ist ein krank Weib,
Was kümmerts mich, soll sehn wo sie bleib.

Die Guten Werke
Mein Jedermann, ich gehör zu dir,
Um deinetwillen lieg ich hier.

Jedermann geht wieder weiter weg. Setzt sich.


Wie soll denn das bewendet sein?

Die Guten Werke
Ich trag Deiner Sünden tiefe Wunde,
bin all die Werke dein.

Jedermann
Ich will kein Spott, ich sterb allweg.

Die Guten Werke
Komm doch zu mir den kleinen Weg.

Jedermann
Meine Werke will ich jetzt nit sehn.

Er blickt weg, er scheint etwas zu hören, schrickt auf.

Die Guten Werke
Wär ichs imstande – ich lief zu dir.

Jedermann
Liegt Angst und Marter g´nug auf mir.

Die Guten Werke
Mich brauchst, der Weg ist schreckbar weit,
Bist annoch ohne ein Geleit.

Jedermann lauscht wieder nach etwas, das er hört. Eine Glocke schlägt die Stunden.


Des Weges muß ich jetzt allein -

Die Guten Werke
Nein, ich will mit, denn ich bin dein.

Jedermann sieht endlich zu der Gestalt hin.

Die Guten Werke


Du bist entboten zu deinem Erlöser,
Vor ein höchst Gericht zu kommen!
Willst du nit gehn verloren, Mann,
Tritt nit allein die Wandrung an.

Jedermann lauscht der Gestalt, steht auf, kommt näher.

Jetzt scheint er etwas anderes in der Frau zu sehen.

Jedermann
du – du – Willst mit mir?

Jedermann, immer noch körperlich völlig erschöpft, läßt sich auf ein Knie nieder, stützt sich dabei auf der Treppe ab.

Die Guten Werke
Fragst du mich das, mein Jedermann?

Die Gestalt streckt ihm einen verhüllten Arm hin. Jedermann nimmt die Hand zärtlich wie die Hand einer Geliebten. Er traut sich, das Velum vom Gesicht der Frau zu ziehen. Ein schönes Antlitz, schneeweiss, wird sichtbar, umrahmt von schwarzem Haar. Eine Frau, die ihr Leben gelebt hat, aber noch nicht alt ist.

Sie sieht ihn an.

Jedermann wagt es nicht, sie über die Wange zu streicheln. Er nimmt ihre Hand und drückt sie an sein Gesicht.

Jedermann

Wie du mich sehnlich siehest an
Ist mir, als

Er kann kaum weiter sprechen, er kämpft mit den Tränen.

hätt in meinem Leben
Nit Freund, noch Liebste, nit Weib noch Mann
Mir keinen solchen Blick gegeben!

Jedermann begegnet in diesem Blick seiner tiefsten Sehnsucht. Um seiner selbst geliebt zu werden.

Die Guten Werke
O Jedermann, daß du so später Stund
Dich kehrest zu meinem Aug’ und Mund!

Jedermann
Hast ein Gesicht verhärmt und bleich
Und dünkt mich doch an Schönheit reich.

Jedermann nimmt die Frau in den Arm, drückt sie an sich. Die Frau läßt alles geschehen, sie ist schwach.


Mir ist, könnt deiner Augen Schein
Durch meine Augen dringen ein,

Jedermann wiegt sich und die Frau hin und her, wie es Menschen tun, die jemanden verloren haben, den sie lieben. Die Frau wirkt wie tot.

Ein großes Heil und Segen dann
Geschäh an einem armen Mann.

Sie bewegt sich nicht. Jedermann läßt die scheinbar Tote zu Boden zurückgleiten. Er denkt, sie kann nicht mitkommen, weil sie nicht mehr lebt. Er wendet sich ab.



Doch weiß ich, dies ist nun versäumt
Und alls nur wie geträumt!

 

Doch die Gestalt spricht plötzlich doch wieder, klar und laut.

Die Guten Werke
Hättest erkannt in deinem Leben,
Daß ich nit völlig häßlich bin,
Wärest bei mir verblieben
Aufgegangen wäre dein Herz
Ich wäre Dir worden ein göttliches Gefäß,

Jedermann beugt sich über die Liegende, drückt sein Gesicht gegen ihr Herz.


Ein Kelch der überströmenden Gnaden

Jedermann nimmt die Frau hoch, trägt sie auf den Armen, steht auf.


Und dich wollt ich erkennen nicht!
War so verblendet mein Gesicht!

Er schwankt, versucht zu gehen. Das lange dunkle Gewand der Last auf seinen Armen schleift über den Boden wie ein Schatten.


was sind wir für Wesen dann
Wenn solches uns geschehen kann!

 

Die Guten Werke
Ich war ein Kelch, der vor dir stand…

 

Jedermann. Salzburger Festspiele 2000. Ulrich Tukur – Jedermann, Maria Bill – Die Guten Werke.

 

 

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Kommentar:

s.a. Der Tunnel. Szene: Entweder wir beide – oder keiner!