Filmszenen I…Menschen wie ich…Teil 1A in: Tenderness -Auf der Spur des Killers. Russell Crowe – Det. Cristofuoro. Regie: John Polson, USA, 2006-08

Bildquelle und Bildrechte: Lionsgate Entertainment. Hotlinking is eine Copyright-Verletzung

Intro (zum vergrößern auf den Text klicken):

Die Szene

Ganz nah im Profil Augen, geschlossen. Wangen, Nase, Münder, Gesicht an Gesicht. Zwei Menschen küssen sich, zwei sehr junge Menschen. Ein Junge und ein Mädchen.

Schnitt

Ganz nah die Zeilen eines Notizbuches, Ausschnitt einer Seite, ein Stift zeichnet Konturen. Nach einer Weile sehen wir die Seite komplett. Die Konturen wiederholen den Kuss. Wangen, Nase, Münder, Gesicht an Gesicht. Eine Hand zeichnet weiter…

Schnitt.

Wieder sehen wir die beiden Gesichter, das gepiercte Ohr des Mädchens, den Daumen des Jungen auf ihrer Wange …

.. und jetzt die Umzeichnung.

Der Bildschirm wird dunkel.

Ein Wort erscheint.

TENDERNESS.

In die Dunkelheit hinein hören wir die warme, weiche und dunkle Stimme eines Mannes Mitte Vierzig.

My wife likes to say, there are two kinds of people. Meine Frau sagt gerne, es gibt zwei Arten von Menschen.

Schnitt.

Ein Supermarkt. Millionen von Packungen, Regale, Regale Regale. Das ganze Bild: ein feinkörniges Puzzle bunter Packungen. Die Kamera, auf leicht erhöhtem Standpunkt wie eine Überwachungskamera, fährt langsam an der bunten Masse von banalen Alltagswaren entlang. Große Schilder über den Warenbergen. Regal 5. Alles für 99 Cent – or more “ “ Regal 6 Alles für 99 Cent – or more…”

Wir hören freundliche Gitarrenklänge, hoch, ätherisch, im Flageolett.

Die dunkle Stimme fährt fort:

Those chasing pleasure – Die einen jagen dem Vergnügen hinterher –

Schnitt.

Ein Schreibtisch, die Kamera fährt langsam daran entlang, ein Mann, circa dreissig, kommt ins Bild

And those running from pain. Und die anderen werden vom Schmerz getrieben.

 

Der Mann scheint zu leiden. Wir sehen ihn von der Seite, er wirkt wie im Fieber, geschwächt, die Augen halb geschlossen, sein Kopf bewegt sich leicht in einem eigenartigen Rhythmus. Er wirft den Kopf in den Nacken.

Schnitt.

Gegenschuss. Wir blicken dorthin, wohin der Mann auch sieht. Ein blondes Mädchen in Blue Jeans und der Weste der Supermarktangestellten lehnt vor ihm an einem Sideboard.

Sie hat ihren gelben Pullover über ihre Brüste hochgezogen, wir sehen ihren BH und ihren na c kt en Bauch. Sie präsentiert sich. Gelangweilt.

Sie wartet. Blickt irgendwohin. Hinter ihr Aktenablagen, ein Fernseher, Radio. An der Wand die Werbezettel des Marktes. Neben ihr eine Wanduhr. Es ist zehn vor halb sieben.

Die Stimme:

Lorelei Cranston is running. Lorelei Cranston ist auf der Flucht.

Schnitt auf den Mann. Er sitzt zurückgelehnt in seinem Sessel, scheinbar tief in einem unverständlichen Schmerz versunken. Nur seine schaukelnden Bewegungen erklären uns, dass er keine körperliche Pein empfindet. Er atmet schwer.

Wieder die Stimme:

Running from all kinds of everything. Auf der Flucht vor allem möglichen.

Schnitt auf Lorelei. Sie lauert mit einem Blick nach dem Mann. Wann er endlich fertig ist. Dann sieht sie wieder ins Nichts. Schnitt.

…Probably has been her whole life. Wahrscheinlich schon ihr ganzes Leben lang.

Lorelei im Supermarkt. Sie nimmt sich – quasi als Belohnung für ihren Dienst – eine Musik- CD und steckt sie in ihre Tasche. Der Supermarktleiter sieht ihr durch das Beobachtungsfenster hindurch zu. Er ist endlich fertig. Sein Hemdkragen ist offen, er schwitzt, er wirkt unglücklich, gequält.

Schnitt. Ausssen. Lorelei mitten im Grün, sie läuft zu Fuss. Es ist eine scheinbar vergessene Gegend, alte rostige Gartenstühle, ein weggeworfener Einkaufswagen, Fabrikgebäude, ein Bahngleis, rostig.

Die Stimme im voice over:

You ask me: nobody gets to escape their pain. Wenn Sie mich fragen – niemand kann seinem Schmerz entfliehen.

Die Musik kommt zu einem Ende, liebevoll, hell, friedlich, beruhigend.

Die Kamera fährt Lorelei voraus, wir blicken an einem alten Pfosten mit ragenden Kabelenden vorbei auf die Leinwand eines Autokinos. Verlassen, vergessen, out of order.

Unsere Stimme im off:

It´s there when you brush your teeth at night. Er ist da, wenn Sie sich abends die Zähne putzen-,

Wir sehen Lorelei herankommen.

It´s there before breakfast. -und morgens vor dem Frühstück.

Wir sehen ihr dabei zu, wie sie weiter läuft, sie kommt dabei ein wenig näher.

Die Stimme:

It´ll come up fierce and sharp – Wild und beissend kommt er daher,

It´ll lay in you, blunt and heavy. und liegt einem schwer im Magen.

Schnitt. Wir laufen dicht neben Lorelei her. Sie hört .mp3 und hält eine Kladde in der Hand. Später erfahren wir: ihr Tagebuch. Hinter ihr das Bahngleis, alte Häuser, geparkte Autos. Der Zug kommt. Eine S-Bahn. Sie hupt, rast an Lorelei vorbei.

Schnitt. Wir bleiben zurück und sehen ihr und dem Zug nach. Es ist Abend. Zwei Fabrikschornsteine ragen in das Rosenrot der Stunde zwischen Tag und Dämmerung.

Unsere Stimme im off:

Most you can hope for is one good day. Im besten Fall kann man auf einen guten Tag hoffen.

Die Kamera hebt sich langsam, schwebt höher über die rostigen Gleise, die verlassenen Gebäude, die Fabrikschornsteine und den kleinen Menschen in Blue-Jeans-Blau und Pulligelb, der dem Abendrot entgegengeht.

Die Stimme:

As on a good day, you get to tell yourself: An einem guten Tag sagt man zu sich:

Schnitt. Lorelei ist zu Hause angekommen, wir warten auf sie an der Eingangstür. Das Haus liegt erhöht mit Blick auf eine Stromtransformatoren-Station, auf rote Backsteinmauern, urbanes Nutzgrün am Horizont. Vergitterte Fenster, Leichtbauweise, Feuertreppen. Mietshaus, alt und eng.

Die Stimme:

“I can fix this.” “Ich krieg das hin.“

“Today can be different.” “Heute kann es anders laufen.“

Lorelei erreicht die Eingangtür.

Die Stimme:

„Today – something might change.” “Heute – könnte sich etwas ändern.“

 

2006-2008 Russell Crowe (im Alter von 42) – Stimme im off/ Detective Cristofuoro, Sophie Traub – Lorelei Cranston.

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Kommentar:

Filmkritik auf Filmstarts.de->

Die Szene ist irgendwie packend. Sehr interessant.

Aber erst in der Analyse bemerken wir, dass sie perfekt gebaut ist, die ausgewählten Bild-Erzählsequenzen, der Inhalt des Textes, die Art, wie er gesprochen wird (englische Originalversion), die unschuldige Stimmung der Musik, die Perfektion, mit der Musik und Text verzahnt sind.
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Die Präzision der Choreografie, der Bewegungen Cristofuoros (Russell Crowe) zusammen mit dem Text; der Höhepunkt ist erreicht bei „People like me.“
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Der Satz_sentence trifft uns wie ein Schlag.
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Wir werden rasch so nah an den Protagonisten herangeleitet, dass wir unvermittelt quasi seinen Herzschlag hören können.
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Auch die Bildkomposition, im Film heißt das ja Kadrierung, ist interessant.
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Bildquelle und Bildrechte: Lionsgate Entertainment. Hotlinking is eine Copyright-Verletzung

Fülle und Leere stehen sich in jedem Bild gegenüber. Die Fülle ist dort, wo die Filmfigur steht, an einer Bildseite, neben und hinter ihr füllt den Bildausschnitt ruhiger, leerer Raum. Die Kadrierung erzählt uns einen wichtigen Teil der Story. Die leeren Flächen können uns an das Thema Einsamkeit heranführen.
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Die Kadrierung betont auch das Eigenleben und die Ausstrahlung der Dinge, der Gegenstände, Möbel, Räume, Stadtlandschaften, alles wirkt, wie „von hinten“ gesehen.
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Bildquelle und Bildrechte: Lionsgate Entertainment. Hotlinking is eine Copyright-Verletzung

Nicht der Glanz frontaler Schönheit wird präsentiert, sondern das Abseits, das Verlassene, Vernächlässigte, Verstaubte, die Räume zwischen den Räumen, die Rückseite der Dinge.
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Kostüm. Cristofuoro beobachten wir, wie er sich fertig ankleidet. Bald schon wird uns bewußt, dass er ohne zu diesem Zeitpunkt ersichtlichen Grund Berufskleidung trägt. Bald werden wir erfahren: er ist früh pensioniert.
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Die korrekte Komplettheit seiner Kleidung, Unterhemd, Hemd, Krawatte, Pullunder mit passendem V-Ausschnitt, Stoffhose statt Trainingshose (!) Jackett mit dem Abzeichen seiner Berufsidentität, sogar die Dienstwaffe, bahnt geradezu eine Trasse von Selbstdisziplin durch den Alltag persönlicher Fragmentierung.
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Symbolik:
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Bildquelle und Bildrechte: Lionsgate Entertainment. Hotlinking is eine Copyright-Verletzung

Den Anfang der Bildsequenz, die uns Lt. Cristofuoro bei sich zu Hause vorstellt, macht die Nahaufnahme einer Glasmenagerie auf der Fensterbank.
.Für amerikanisches Publikum enthält die Sammlung von Glastieren natürlich sofort die Subtextbedeutung:
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Tennessee Williams: The Glass Menagerie.
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(Tennessee Williams ist auch der Autor von “A Streetcar Named Desire” – Endstation Sehnsucht, der Film, der dem jungen Marlon Brando den Durchbruch brachte.)
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Im Theaterstück und in diesem Film “Tenderness” geht es um kranke und missglückte familiäre Beziehungen, die Schmerz bis zur Todessehnsucht bringen. Die idee fixe, die den Subtext von Tenderness durchzieht, ist: Sehnsucht.

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Text Intro barrierefrei:

Meine Frau sagt gern: es gibt zwei Arten von Menschen.
Die einen jagen dem Vergnügen hinterher –
Und die anderen werden vom Schmerz getrieben.
Lorelei Cranston ist auf der Flucht.
Auf der Flucht vor allem möglichen.
Wahrscheinlich schon ihr ganzes Leben lang.
Wenn Sie mich fragen – niemand kann seinem Schmerz entfliehen.
Er ist da, wenn Sie sich abends die Zähne putzen-,
-und morgens vor dem Frühstück.
Wild und beissend kommt er daher,
und liegt einem schwer im Magen.
Im besten Fall kann man auf einen guten Tag hoffen.
An einem guten Tag sagt man zu sich:
Ich krieg das hin. Heute kann es anders laufen.
Heute –
könnte sich etwas ändern.

(Szene Mutter und Tochter Auslassung.)
Manche Menschen leben für ihren Schmerz.
Er ist alles, was sie haben.
Sie hegen ihn,
haben Angst, er könnte verschwinden.
Es sind Menschen wie ich.

My wife likes to say, there are two kinds of people.
Those chasing pleasure –
And those running from pain.
Lorelei Cranston is running.
Running from all kinds of everything.
…Probably has been her whole life.
You ask me: nobody gets to escape their pain.
It´s there when you brush your teeth at night
It´s there before breakfast.
It´ll come up fierce and sharp –
It´ll lay in you, blunt and heavy.
Most you can hope for is one good day.
As on a good day, you get to tell yourself:
“I can fix this.”
“Today can be different.”
„Today, something might change.”
(Mutter – Tochter – Auslassung)
Some people live for their pain.
It´s all they´ve got.
They stay up with it, -
afraid, it might slip away.
People like me.

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