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Vor der Szene
Der Weihnachts-Abend ist weit fortgeschritten. Die Bescherung ist vorbei. Jetzt gibts noch eine mitternächtliche Suppe. – Und Ärger.
Das Mitbringsel, die schöne Nachbarin, zweifelt an, dass sich all die vielen Kinder verschiedener Väter bei Sara und Jan wirklich wohl fühlen. Die armen – Scheidungswaisen.
Jan bringt seinen Sohn Richard ins Bett. Als er zurückkommt, ist er derartig eifersuchtsgeladen, dass er Sara vor allen kompromittiert.
Metze!
schreit er sie an und verläßt den Tisch…
Die Szene
Im Gang vor der Haustür. Ooops. Jan ist so geladen, dass wir hier leider von einem ziemlich unstatthaften Kontrollverlust berichten müssen. Er bearbeitet die Türen des Garderobenschrankes mit Fusstritten.
Sara schießt um die Ecke. Bleibt stehen. Hoher Druck. Sieht schweigend zu.
Ebenfalls zorngeladen, leise:
Was machst Du da?
Was er macht, ist nicht zu überhören. Fusstritte knallen gegen die Türen.
Schnitt auf Jan. Ein letzter Tritt gegen die Wand. Er tigert hin und her, im Kreis. Versucht sich offenbar zu fassen. Sein Gesichtsausdruck kündet von der Vergeblichkeit seines Versuches.
Schweigen. Seine Hände wenigstens sind in die Hosentaschen verräumt.
Jan steht mit dem Rücken zu Sara.
Sara und Jan ganz nah, wir sehen nur ihre Köpfe.
Sara ist an Jan herangetreten, lehnt ihr Kinn gegen die Mitte seiner Schultern, offenbar umarmt sie ihn von hinten.
Sara
Bitte sei wieder Du.
Sara schmiegt ihren Kopf an Jans Rücken, drückt sich an ihn, schlüpft fast in ihn hinein.
Sei mein kluger starker witziger Mann.
Jan bleibt steif stehen. Saras Versuch, ihn ausgerechnet jetzt dazu zu bringen, mit ihr zu verschmelzen ist nicht ganz ungefährlich. Ein wenig so, als versuche jemand mit einer Handgranate zu schmusen, deren Sicherungsstift bereits gezogen wurde.
Jan, mühsam beherrscht, wir sehen nur seinen Nacken und Sara´s Kopf. Sie presst sich gegen ihren Mann.
Jan
Könntest Du mich mal eben NICHT umarmen…
Eine Schulterbewegung befreit Jan von seinem unerbetenen Rucksack und stößt Sara zurück.
Sara weicht, Schritt nach Schritt. Ihre Augen sind rabenschwarz: Verletztheit, – das Kinn vorgeschoben: Trotz.
Langsam begreift sie. Hier ist etwas nicht erwünscht. Proaktiv aggressiv:
Soll ich etwa abtreiben?
Jan, er steht immer noch mit dem Rücken zu ihr. Kurzer Zornblick über die Schulter, streift seine Frau.
Was geht das mich an.
Wir sehen nur Jans Rücken und seine in mühsamem Selbstbeherrschungsversuch an den Leib gepressten Arme.
Sara
Bist Du jetzt völlig durchgeknallt.
Jan fährt herum. Ausser sich:
Denkst Du, ich WEISS nicht, was hier vor sich geht?
Sara
Was weißt Du?
Ein schneller verbaler Schlagabtausch folgt.
Jan:
Das sieht man doch dass Du was verbirgst. Genauso wie Du mir nie erzählt hast, dass Du Deine Jungfräulichkeit an Andy verloren hast.
Sara
Ha
Jan
… und: dass Du mehrere Beziehungen mit ihm gehabt hast.
Sara
Das is nich so wichtich. Also, Du hast mir doch auch nich von Deim ersten Mal erzählt.
Jan
Lotta. Auf meiner Abiturfahrt nach Amsterdam.
Schnitt. Im Wohnzimmer. Wir sehen, alle hören Wort für Wort mit. Allgemeines Amusement, man kichert ins Taschentuch.
Aus dem Off: Wir haben alle zusammengelegt. Zufrieden?
Schnitt. Wieder im Gang.
Jan
Also
Jan schnauft, mühsam beherrscht:
Von wem ist das Kind.
Wer von den CLOWNS war es.
Sara
…wovon redest Du.
Jan
Sag einfach die Wahrheit.
Jan schnauft noch immer, die Wut bekommt eine Schwester: Verletztheit. Die macht sich bereit, Jan gleich weinen zu lassen. Leise:
Du hast mich betrogen.
Sara
Waaaaas?
Jan
Ja.
Gibs doch endlich zu.
Sara
Sprachlos, mit offenem Mund, ihr Blick sucht.
Wie kommst Du darauf, hast Du irgendwelche Beweise.
Jan weicht zurück. Sein Zeigefinger sticht auf sie zu.
Du fragst nach Beweisen, also gibt es welche, Beweise.
Schnitt ins Wohnzimmer. Man windet sich schweigend vor Peinlichkeit auf den Stühlen.
Jan aus dem Off.
Gib´s zu.
Sara aus dem Off
Du bist wahnsinnig.
Jan im off. Wir sehen Erich
Ist es von Erich. Der milchmagere schottenkarierte Erich blickt erschrocken den feisten fettigen Gunnar an.
…oder oder von Andy.
Andy lacht.
Oder ist es von Gunnar. Ja . Sag einfach : Das Kind . ist. Von Gunnar.
Gunnar schaufelt schweigend Suppe.
Peinlichkeit bei den Damen.
Aus dem Off. Jan brüllt.
Sag es einfach!
Die anwesenden Damen lächeln hilflos.
Wieder bei Jan, er schreit mittlerweile
A..ach Du weißt gar nicht, von wem das Kind ist?
Das ist es.
Du weißt es nich. Gibs zu. Sei ehrlich. Du treibst es mit allen, wenn ich weg bin.
Verschnaufpause. Jan starrt seine Frau an, wird weinerlich.
Nichmal das bin ich Dir wert. .
Heftiges Atmen. Schnauft.
Du betrügst mich. Sei endlich mal ehrlich.
Sara, ernst, gefasst :
Gut, Jan, ich sag es Dir. Ich sag es Dir.
Jan. Der Druck ist abgelassen. Das Zornbarometer steht wieder auf Null. Traurige Verletztheit war das Antidot. Jan:
Sei einfach ehrlich.
Sein Blick sagt, dass er bereit sein wird, jede Hiobsbotschaft, die seinem Ego gleich einen linken Haken versetzen wird, ohne Deckung hinzunehmen.
Ich halte das aus.
Sara, flammend: – Der runde Spiegelrahmen hinter ihrem Kopf an der Wand leuchtet und umstrahlt ihr Haupt wie einen Heiligenschein.
Ich habe Dich nie – kein einziges Mal – nicht mit Worten, und nicht mit Taten und nicht einmal in Gedanken betrogen.
Sie tritt bei jedem Punkt noch einen Schritt näher an ihren Eifersuchtsgockel heran.
Ich bin immer völlig treu, das kannst Du jeden hier fragen.
Jan lacht sardonisch auf. Wir erschrecken. Er sieht gefährlich aus. Er sieht auch so aus, als würde er die Grundsätzlichkeiten gegenseitiger Wertschätzung gerade über den Boden verstreuen und darauf herumtrampeln. Sara merkt das auch.
In sein Lachen hinein:
Ich will Dich nicht mehr sehen.
Jan schreit, sein Ton sagt uns, er findet, die Tatsachen sind verdreht. Sie, die „Metze“ ist doch Schuld an der Schieflage.
Du willst mich – nicht mehr sehen?
Sara, schnell.
Verschwinde aus meinem Haus.
Reisst die Tür auf.
Verschwinde.
Jan fassungslos, wütend, beugt sich vor, schleudert Sara ins Gesicht:
Das ist auch mein Haus.
Sara brüllt:
Raus.
Sie steht neben der offenen Haustür. Draussen eine schneebedeckte Buschwand.
Jan schnauft. Erneut in nur mit äußerster Kraft unterdrückter Wut:
.. und Du bist wahnsinnich..das kommt alles von Deinem schlechten Gewissen.
Er kommt nicht weiter. Sie schubst ihn raus. Er fliegt in den Busch. Er dreht sich zurück zur Tür. Sein Mantel kommt ihm entgegengeflogen. Jan kann nicht mehr ausweichen. Der Mantel benutzt ihn als Kleiderständer.
Schnitt.
2006-2007 Heino Ferch (im Alter von 44) – Jan, Sara´s Ehemann, Die Oscar-Co-Preisträgerin Martina Gedeck – Sara, Jan´s wife