
Bildquelle und Bildrechte bei von Vietinghoff Filmproduktion für ZDF Zweites Deutsches Fernsehen. click auf das Bild, um es in Originalgröße zu sehen.
Neue Episode leider erst heute Abend. Theater Die Braut von Messina.
Was los ist? Zum ersten Mal seit Projektbeginn sind wir mit dem Kopf ganz woanders. Nee, gelogen, mit Kopf und Herz ganz woanders. Wir sitzen seit einer Woche staunend mit offenem Mund vor den Hauptarbeiten von Russell Crowe. Sein Jim Braddock, sein Cal McAffrey, sein Captain Jack Aubry, sein Robin Hood völlig verschiedene Menschen mit völlig unterschiedlichem Aussehen und Körpersprache. Von der barocken Körperlichkeit von CalMcAffrey bis zum ausgemergelten, vor Entmutigung fast ausgebrannten Gesicht von Jim Braddock oder dem Gesicht von Robin Hood aus dem man sofort eine lange anstrengende Zeit von Verantwortungsübernahme und Selbstverpflichtugn liest, bevor er noch ein Wort in der Rolle geredet hat… Die Emotionen – bei den meisten Leuten sehen wir die textentsprechende Hauptemotion wie eine Solostimme, bei Russell Crowe sehen wir, – ähnlich wie bei hf – immer einen ganzen Akkord, die Hauptemotion wie eine Solostimme und andere Emotionen, die aus der Erinnerung und dem Charakter der dargestellten Person kommen, orchestrieren dieses Solo wie Generalbass-Stimmen. Wir sitzen und staunen.
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Vor der Szene
Sophialein wird von Olga aufgepäppelt.
Mensch, es schwimmen doch noch mehr Fischlein im Teich, als nur ihr Peterchen!
O.k. Sophia probiert einen anderes Peterchen, eines mit ´nem schwarzen Wuschelkopf. Bringt aber nix.
Tja, und dann… stellt Olga ihre neue Freundin Sophia dem Supertypen Marcel vor. Ein Mann, ein Maaann, so´n echter Mann.
Nee, na?! Doch, – was denn sonst.
Aber umgekehrt. Marcel verliebt sich in Sophia, die graue Maus. Na, ja, was heißt verliebt. Er weiß es auch nicht, aber er kennt die Anzeichen. Er will ihr unbedingt im Bett was flüstern.
Das kann nur furchtbar werden. Wo auch noch Sophia´s Peter wieder auftaucht. Kurzfristig.
Die Szene
Die Wohnungs-Tür geht auf. Sophia im Bademantel. Draussen vor der Tür: Moritz, der Kater.
In den Händen von Peter. Das passt. Moritz war weg, Peter war weg. Jetzt sind se wieder da, beide.
Peter, da steht er, Jacket, grau, ordentlich, Polohemd weinrot, ordentlich, Cordhose braun. Alles brav, alles passt irgendwie nicht und passt auch nicht zusammen. So ähnlich eben wie Peter und Sophia. Vorwurfsvolle Gesichter.
Peter darf eintreten. Kein Wort zwischen beiden. Sophia trägt ihren Kater. Moritz. Peter entdeckt das Brautkleid. Amüsiert:
Was ist das denn?
Sophia und Peter machen einen dieser Wir-sprechen-uns aus Spaziergänge in Sophia´s Wohngegend, also entlang eines Schutzzaunes der S-Bahn, an einer dieser übriggebliebenen Stellen der Städteplanung, die für gar nichts vorgesehen waren. Keine Straße, kein Gebäude, kein Platz, der abgeschnippelte Restbereich zwischen den Bauprojekten, Niemandsland.
Peter, die Hände in den Hosentaschen. Sein Jacket weht auf. Sapperlot. Strammer Body. So war das also. Toller Body und im Stockwerk drüber nur Probleme, Probleme, Probleme wälzen:
Trinkst Du?
Sophia, Sommerkleidchen, Jeansjacke:
Das geht Dich gar nichts an.
Peter
Du könntest wenigstens Danke sagen
Sophia
Oh Danke, lieber Peter, danke, danke.
Der Kater issn Verräter, ich hasse ihn.
Wie hat er Dich überhaupt gefunden?
Peter
Mir völlig rätselhaft.
Sophia
Ja, er konnte Dich nie leiden.
Peter, schicksalsschwer:
Ich habe auch zurückgefunden.
Sophia, bleibt stehen, dreht sich zu ihm hin:
Ha ha!! Ich komm´aber nich´ zurück.
Sophia dreht sich wieder weg, eilt weiter. Peter sieht ihr hinterher, holt auf.
Peter
Dieses Kleid. .. ich meine – keiner hatte die Absicht, in weiss zu heiraten.
Sophia
Nein?
Peter
Nein.
Sophia umrundet ihn, schreit ihn an:
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Wir ham uns überhaupt nich geliebt, wir ham immer nur so getan, wie in der Werbung.
Peter, jetzt auf sicherem Terrain, nämlich der formalen Ebene:
Schrei hier bitte nich´ rum, ja?
Sophia
Ahhhh!
Bist´n verdammter Feigling.
Hättest nur EINmal in Deinem Leben zu was Ja sagen müssen.
Peter reisst endlich die Hände aus den Hosentaschen.
Ach isses meine Schuld.
Sophia
Ja.
Du hättst mir helfen müssen. Du hättst mich irgendwie…
Sie startet zum Weitergehen
…haben wollen müssen können – ach, was weiss ich.
Sie ist weggegangen. Peter sieht ihr hinterher. Man merkt, er leidet. Aber trotzig wird er nicht von seinem Recht abrücken. Er läuft Sophia nach, bleibt weit entfernt von ihr stehen.
Schnitt.
Am S-Bahn-Zaun. Betonpodest, mit Graffitti beschmiert, Baumaterial liegt rum, Unkraut, nicht mal das wächst hier richtig, kahler Boden, steinig. Der passende Platz für den Text:
Peter
Weißt Du, woran alles zerbrochen is?
Sophia dreht sich nach ihm um:
Das weißt Du?
Peter
An diesen Plänen, die man immer so macht.
Mit Kindern. Wann. Und wie viele. Wo man leben soll, wie man sich einrichtet. Wie man das alles bezahlen soll.
Jetzt laufen beiden wieder nebeneinander. Beide starren geradeaus.
Sophia
Ja
Peter
Ja. Man verliert völlig den Überblick. Was richtich is und was nich.
Sophia
Was is wichtich?
Peter
Dass man glücklich iss.
Sophia, patzig:
Und wie wird man das?
Peter
Vielleicht ham wir es einfach nur vergessn.
Sophia wendet sich ab, setzt sich auf das Betonpodest des Absperrzaunes.
Das is traurich.
Peter
Warum bist Du weggelaufen?
Du steckst in Schwierigkeiten, hab ich Recht?
Sophia
Auch nich mehr, als vorher.
Peter
Vielleicht kriegen wir noch einmal eine Chance.
Sophia
Von wem, Peter, vom lieben Gott? (…)
Schnitt.
Tja, sieht schlecht aus. Ob das noch mal was wird. Man bemüht sich, man bemüht sich, aber das Glück will sich einfach nicht einstellen, das „Nur die Liebe zählt“-Glück. Und – ganz ehrlich: die drei K haben die Altvorderen doch auch nicht glücklich gemacht. Aber – wie dann?
Gleichzeitig quält sich unser Marcel mit seinen Gefühlen für Sophia. Er soll doch Olga lieben und nicht Sophia begehren. Schwein. Nennt er sich selbst.
In seinem Jazzclub singt eine große voluminöse Frau mit Zwanzigerjahre-Wasserwellenfrisur, sie steht immer an derselben Stelle, wird von den immer gleichen Scheinwerfern beleuchtet, sie ist eine Instanz. Eine Sphinx. Sie kennt das Leben. Die Männer liegen ihr zu Füßen. Manchmal schickt sie sie weg. Zu viele. Marcel befragt sie, das Orakel Berlin-Delphi. Sie referiert weise:
Marcel
Biste glücklich?
Sängerin
Ich antworte auf diese Frage nicht.
Marcel
Glaubst Du, dass da draussen irgendjemand auf Dich wartet?
Sängerin
Ach. Du bist das?
Auf Dich hab ich gewartet, mich verzehrt, von Dir hab ich geträumt und mich nach Dir gesehnt?
Marcel
Ja, so ungefähr.
Sängerin
Wir beide sind füreinander bestimmt?
Komm bitte sei so gut, bestell mir noch n Whisky und lass mich in Ruhe.
Weißt Du , Marcel, wenn, wenn ich verliebt bin, dann , dann hab´ich Ansprüche und Erwartungen. Es entstehen daraus Träume und Bedürfnisse.
Wenn ich jemanden liebe, dann ist das eine feste Tatsache in mir selbst.
Und dann ist es völlig egal, wenn der Andere anders, wenig oder gar nichts empfindet. Ich benutze einen anderen Menschen und bin selbst dabei völlig unfrei.
(Deshalb will sie nicht verliebt sein.)
Marcel
Und das findet alles in Deinem Kopf statt?
Sängerin
M-m. In meinem Herzen.
Marcel
Und was rätst Du mir?
Sängerin
Hm?
Schnitt.
Was? Auch hier kein Rat? Keine Lösung? Mist.
1993-94 Heino Ferch (im Alter von 30) – Peter, Sophias verschwundener Verlobter; Meret Becker – Sophia; Sebastian Koch – Marcel, Olgas Beau; Nina Kronjäger – Olga, reiche Erbin und verliebt in Marcel.
Kommentare:
1. Unsere Sphinx spricht hier salomonisch an:
Michel de Montaigne s (1533–1592) Einlassungen über Freundschaft.
Die ideale Freundschaft hat keine Ansprüche und Erwartungen, keine Begehrlichkeiten und Bedürfnisse. Sie ist eine Instanz in der jeweiligen Person selbst und wünscht das Beste des Anderen, ohne Rechnungen mit ihm aufzumachen, dies ist möglich durch Vertrauen.
3. Peters Double-Binding zwischen Leid und trotzigem Frust und der Bleiben-oder Gehen-Diskussion finden wir wieder in: Winterschläfer. Becki und Marco in der Nacht nach dem Verlassen der Disco.
4. Die beiden Mädels, Olga und Sophia quatschen, überlegen sich, was besonders schön ist, was ihr Herz zum Klopfen bringt und zählen es auf. Das Negativ davon finden wir in Winterschläfer. Die beiden Mädels, Becki und Laura quatschen, zählen auf, was sie auf gar keinen Fall wollen, was schrecklich ist.
5. Olga glaubt an die Heilkraft von Halbedelsteinen. Rosenquarz – hilft gegen gebrochene Herzen. s.a. Vision. Hildegard glaubt ebenfalls an die Heilkraft der Steine. Chrysopas- gegen Wut.
2. Der Topos des Mannes, der in die Wohnung, das Haus, das Leben der Frau zurückzukehren versucht, findet sich direkt in:
Freundinnen (Peter zu Sophia),
Winterschläfer (Marco zu Becki),
Möwengelächter (Björn zu Freyja),
Der Anwalt und sein Gast (Christian zu Katja),
Mord am Meer (Anton zu Sylvia),
Indirekt in :
Wedding (Klaus zu Susanne),
Deutschlandlied (Hanno zu Lisa),
Küß mich! (Johannes zu Katharina),
Widows (Vince zu Elisabeth),
Koma (Franky zu Lisa)
Marlene (Carl zu Marlene),
Auf ewig und einen Tag (Jan zu Paula),
Meine schöne Bescherung (Jan zu Sara)
Vision (Volmar zu Hildegard – ist übrigens am Ende des Filmes die erste Rolle als alter Mann, weisshaarig).
All die vielen Figuren vermitteln über die Jahre ein bestimmtes Bild des Rollenträgers: Er scheint sich um die Beziehung zu bemühen. Der Eindruck von Engagement und Beziehungsfähigkeit jenseits des Straight-Shooter-Images entsteht (Zitat „Unsere Besten“, 2006: „Er bleibt eben ein Straight-Shooter“), ein Facette des Images, das wahrscheinlich ebenfalls nur von Frauen wahrgenommen wurde und wird.
Gegenprobe: Wie viele Figuren streben von der Partnerin weg, weil sie keine Lust mehr haben, wollen sie verlassen? Das Ergebnis erstaunt nicht: Zwei im Frühwerk: Peter (von Sophia, überfordert), Uwe Rockstroh (von Jutta, Sturm und Drang-Zeit), Einer später: Thomas (von Kristin, Altersunterschied trennt, gleichzeitig, auf sublimierter Ebene: will Liane unterstützen, strebt also zu ihr hin). Fertig.