Monatsarchiv: Oktober 2009

Filmszenen I …glaubst Du immer noch, dass ihr die unter Kontrolle kriegt?…in: Cabaret. . Regie Bob Fosse, 1972


Sally und Brian (Liza Minelli und Michael York)
Bildquelle und Bildrechte bei www.michaelyork.net

Filmszenen I …glaubst Du immer noch, dass ihr die unter Kontrolle kriegt?…in: Cabaret. Liza Minelli – Sally Bowles, Fritz Wepper – Fritz Wendel. Regie: Bob Fosse, 1972

Story Line englisch->


„Much more that just a terrific musical, Cabaret delves naturally into the politics surrounding Hitler’s rise to power. In Berlin, 1931.“


Story Line Deutsch->



„Life is a Cabaret“ im Berlin der verlöschenden Weimarer Republik, bevor der Nazi-Terror die deutsche Hauptstadt mit Parolen und blanker Gewalt überzieht. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung bricht ein Sturm los, den niemand wahrhaben will…

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Vor der Szene

1931, Sally Bowles, sie träumt von einer internationalen Karriere und singt im Berliner Kit Kat Club, wohnt in einer Pension, in der auch ihr englischer Freund Brian (Michael York) Unterschlupf gefunden hat, und sich hier als Englischlehrer für den Geschäftsmann Fritz Wendel (Fritz Wepper) über Wasser hält.

Sally und Brian lernen den jungen Baron Maximilan von Heune kennen, der beide aushält. Die drei haben eine schöne Zeit miteinander, man genießt das Leben mit Champagner, Kaviar, Abendeinladungen, Bootsfahrten, Picknicks – und eines Nachmittags fahren Sally, Brian und Max in Max´ riesiger Limousine ins Grüne, zu einem Biergarten am Waldwirtshaus. Sommerstimmung, Biergarten-Blasmusik.

Bildquelle und Bildrechte bei ABC und Warner Home Video.


Die Szene

Wir gehen an Biergartentischen entlang. Halbvolle Glashumpen, die Sonne lässt das Bier golden leuchten.

Der Garten ist gut besetzt. Bauern, Landbevölkerung, dazwischen, in Sonntagskostüm mit Hut, Sommerfrischler aus der Stadt.

Man unterhält sich, spielt sogar Schach. Wir sind im Biergarten des Wirtshauses Waldesruh, ein Bild sonntäglichen Friedens. Bayerische leichte Blasmusik von einem kleinen Tribühnenpodest.

Schnitt.

Nah der Tisch von Brian und Max. Sally ist noch im Auto. Sie muss noch etwas Schlaf nachholen.

Max ist perfekt gekleidet wie ein Gentleman, inklusive Krawattennadel. Er trinkt natürlich nicht das Plebejergetränk Bier. Vor ihm steht ein Viertel Weiss.

Max:

Sally ist ein reizender Kerl. Aber ich muss zugeben, ich finde es auch ganz erholsam, wenn sie ein Nickerchen macht.

Max lächelt seiner Erinnerung an Sallys Redeschwall hinterher, sucht gleichzeitig sein Zigarettenetui. Er findet es nicht. Er kann es nicht finden, denn er hat es in einer kleinen Aufwallung von Freundschaftlichkeit vor einigen Tagen Brian geschenkt.

Brian zückt das schwere massivgoldene Etui, das weit mehr wert ist, als Brian in einem Jahr verdienen könnte. Er bietet Max eine Zigarette an. Max erinnert sich, ach ja… Beide lächeln, Brian gibt Feuer.

Ihren Blicken entnehmen wir ein Fragen und Antworten, ob die Freundschaft zueinander mehr werden könnte als eine Kumpelei, beide Männer bevorzugen nicht nur Frauen.

Max hebt sein Glas:

Auf Afrika?

Brian erwidert den Toast:

Auf Afrika!

Die leichte Blasmusik verstummt.

Brain setzt sein Glas ab. Wir sehen, er hat sich Max geöffnet.

Wie eine Zärtlichkeit schwebt eine einzelne Knabensopranstimme in die Szene.

Im Licht liegt die Wiese,

der Sommer war nah

Beide Männer blicken in die Richtung, aus der die Stimme kommt.

Schnitt. Very Close up das Gesicht des Sängers. Wir blicken zu ihm hoch.

Es ist ein blonder blauäugiger Junge, rosige Lippen, heller Teint, Seitenscheitel . Er hat auffällig schöne große Zähne. Weil wir unter ihm stehen, können wir ihm in den Mund sehen. Wir sehen sogar seine Backenzähne, makellos, schneeweiss.

Der Hirsch läuft in Freiheit waldein

Doch sammelt Euch alle

Ein Sturm ist nah

Zwischenschnitte zu den Zuhörern. Wir sehen ganz verschiedene Gesichter, ein junges Mädchen, eine dicke alte Frau, zwei junge Männer im Profil, sie stehen exakt so nebeneinander, dass einer wie die Kopie des anderen wirkt.

Irgendwie erregt ihr Profil mit dem stark betonten Kinn spontan ein unangenehmes Gefühl, obwohl beide nichts tun, als nur ganz ruhig zuzuhören.

Der morgige Tag ist nah

Schnitt zum Sänger. Langsam gleitet unser Blick vom Gesicht des Jungen weiter nach unten. Halstuch, Braunhemd, Koppel, Armbinde mit H ak en kreuz, Schirmmütze mit Adleremblem. Der Junge ist kein Zivilist. Er gehört zur HJ.

Das Lindengrün leuchtet

Die Blätter, sie wehn,

Sein Gold verströmt meerwärts der Rhein

Unser Blick schweift weiter zu den Biergartengästen. Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge, Arbeiter, Angestellte, Städter, Bauern, ein Mann mit Hut, Krawatte und weissem Hemd wirkt wie ein Journalist.

Unser Blick bleibt auf einem Mädchen mit braunen Haaren hängen. Sie hört zu. Ihre Augen wirken irgendwie verschleiert, wir können nicht genau sagen, warum uns das Mädchen unsympathisch ist. Häßlich ist es nicht.

Doch fern geht ein Stern auf,

noch ungesehen

Ein älterer Mann, sieht aus wie ein Großbauer. Er ist korpulent. Seine wasserblauen Augen schwimmen. Irgendwie wirkt er wie ein Choleriker, der gerade im Moment gerade mal nicht schreit. Er blickt, wie alle zum Sänger.

der morgige Tag ist mein

Ein kleiner Junge neben seinem Vater. Alle hören zu. Unser Blick wandert langsam zurück zum Sänger, streift über seine HJ-Uniform zurück zum Gesicht.

Das Kind in der Wiege

liegt selig im Schlaf

Schnitt. Totale. Der Biergarten, Lampionketten, Sonne, viele Menschen sitzen, alle blicken in eine Richtung. Hinter dem Zaun nähert sich ein Rossgespann.

Die Blüte schließt Bienen ein

Schnitt auf die beiden jungen Männer im Profil. Sie beginnen, mitzusingen.

Doch bald sagt ein Flüstern

Wach auf, wach auf..

Schnitt auf den Sänger. Er ist ins Forte gewechselt. Sein Gesicht beginnt, sich vor Anstrengung zu verzerren. Schnitt auf ein Mädchen. Es springt auf, fällt ein. Ihre Haltung wirkt wie ein Aufspringen zum Angriff. Ihre Zähne, die sie beim Singen entblößt, wie bissbereit.

Der morgige Tag ist mein

Längst singt der HJ-Junge nicht mehr solo. Die Bläsergruppe begleitet laut, immer lauter. Jetzt setzt das volle Orchester ein.

Schnitt. Blick aus tiefer Position zwischen zwei Gästen hindurch, die ebenfalls aufgestanden sind. Zuerst sehen wir nur das Baumgrün der Biergartenbäume. In diese Lücke schießen plötzlich zwei weitere Personen. Sie springen auf, nehmen Haltung an, singen mit: zwei weitere HJ-ler mit Braunhemd und Ha ken kreu z armbinde.

O Vaterland, Vaterland,

zeig uns den Weg,

Eine junge Frau im blaugetupften Kleid steht auf, singt mit. Die Musik hat durch Schlagzeug den Charakter von Marschmusik angenommen. Viele stehen jetzt. Wir haben gar nicht gesehen, wann sie aufgestanden sind, aber sie stehen.

Nur ein alter Mann bleibt sitzen. Er ist ausgemergelt, den ersten Weltkrieg kennt er aus eigenem Erleben. Wir sehen, wie er zwischen Überraschung und Abwehr schwankt, als einziger im ganzen Biergarten sein Gesicht vom Sänger abwendet. Zwischen all den Stehenden fände er, auch wenn er es wollte, jetzt auch keinen Weg mehr hinaus.


Dein Gruss soll das Wegzeichen sein,

Der Morgen kommt

Schnitt auf den Sänger. Er ist jetzt von einer Getriebenheit, die wütend wirkt, er singt so laut er kann, sein Kopf bewegt sich vor Anstrengung vor und zurück, als wolle er damit den Takt schlagen.


wenn die Welt ist mein

Der morgige Tag ist mein.

Schnitt auf das braunhaarige Mädchen, den Großbauern, sie stehen auf, einer nach dem Anderen, singen mit weit geöffneten Mündern laut mit. Ein Städter steht auf, nimmt den Hut ab, wie bei einer Zeremonie, ein HJ-Junge nah, er singt aus voller Kraft, eine Frau in den Vierzigern, singt inbrünstig, wie in der Kirche, Blick in die Menge:

Alle stehen.

Blick zur Tribüne durch die Mittelgasse aller Stehenden. Vorne in der Mitte der Tribüne steht der Sänger, wir sehen seine HJ-Uniform bis hinunter zu den Schuhen, der Junge hat Haltung angenommen. Die Musik lärmt jetzt wie der Schritt voranschreitender Soldaten. Fortissimo. Alle singen. Einzelne nah. Sie singen mit voller Inbrunst. Sogar ein vierjähriges Mädchen versucht, mitzusingen.

Der Sänger setzt seine Schirmmütze auf:

Dein Gruss soll das Wegzeichen sein,

hebt den Arm zum Hi t ler gruss.

Alle im Fortissimo, wiederholen die Liedzeile:

Der morgige Tag

Der morgige Tag

Der morgige Tag

Der morgige Tag ist mein.

Schnitt. Max und Brian am offenen Wagenschlag von Max´ Limousine. Max´Fahrer hält den Schlag auf. Brian blickt hinüber zum Biergarten. Zu Max.

Glaubt ihr immer noch, dass ihr die unter Kontrolle kriegt?

Die beiden Männer wenden sich ab, steigen ein.

Wir hören:

O Vaterland, Vaterland,

zeig uns den Weg,

Dein Gruss soll das Wegzeichen sein,

Schnitt. Totale.

Wir sehen, wie sich Max´ Limousine vom Wirtshaus Waldesruh entfernt. Im Garten die Gäste stehen, alle, singen, alle.

Das Schlußbild geht in die große Totale.

Blauer Himmel, weisse Wölkchen, grüne Wiesen, Sonne, ein kleines verträumtes Landhaus, ein Biergarten, Friede.

1971-72 Brian – Michael York, Maximilian von Heune – Helmut Griem, Sally Bowles – Liza Minelli, Fritz Wendel – Fritz Wepper.

- – -

Offtopic: Die HJ-Uniform

semi offtopic

Installation Professor Hörl in Straubing im Jahr 2009->


Interpretationshilfe: der H it ler gr uss ist in Deutschland zu Recht verboten, nur als Parodie ist die Darstellung möglich. Gartenzwerge parodieren per se den Menschen. Wichtig ist die Bekleidung der Hörl-schen Zwerge: sie tragen nicht die historische Zwergenkleidung – sie tragen zeitgenössische Business Suits, Anzüge von modernen Geschäftsleuten.

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Kommentar:


1. Wichtig für unseren „Ikonografie“-Blickwinkel ist der Name Rolf Zehetbauer.

Rolf Zehetbauer stattete 1972 den achtfach oscar-preisgekrönten Kinofilm Cabaret aus (mit Liza Minelli und Fritz Wepper), Regie: Bob Fosse,
ausserdem mehrere Fassbinder-Filme, für uns von besonderem Interesse: Lilli Marleen und Lola, (beide 1981) , er machte das Bühnenbild für Wolfgang Petersens Das Boot (1981), für Die unendliche Geschichte,


- und für drei Joseph Vilsmaier-Filme: Schlafes Bruder, Marlene und COMEDIAN HARMONISTS.

Die Nähe von Cabaret zu Comedian Harmonists ist stark spürbar in der generellen Thematik beider Filme: Wir verfolgen das Schicksal mehrer Protagonisten auf der Bühne – und in der Erzählung des privaten Schicksals der Protagonisten – bis hinein in die identische Erfassung einer Szene:

der kirchlichen Trauung nach mosaischem Ritus. Mekudesched li.. in Cabaret: Fritz und Natalia Landauer , in Comedian Harmonists: Roman Cycowski und Mary.

2. In Cabaret führt uns ein Master of Ceremonies, ein Conferencier, durch ein Bühnenprogramm, das wir als antifaschistisch erkennen. In diesem Zusammenhang weisen wir auf „Schön ist´s im Labyrinth – George Grosz in Amerika“ ein Dokumentarfilm über George Grosz der vor den Nazis geflohen ist hin. In diesem Film führt ein Sprecher – wir kennen den Film noch nicht, nehmen aber eine Conferencier-Funktion an durch den Film mit, ganz ähnlicher Funktion also wie in Cabaret. Der Sprecher ist:

Heino Ferch

Bildquelle und Bildrechte bei filmportal.de

3. Montage:

Film kann durch Montage von Bildern und Sequenzen eine Ebene der Subtext-Erzählung jenseits des gesprochenen Textes einziehen. In Cabaret:„Through effective application of montage, the stage routines provide a sharp counterpoint to the real-life drama.“


In Cabaret benutzt die Montage der lustigen bavaresk/deutschen Bühnen-Nummern mit dem brutalen Geschehen „draussen“ diese Technik in genialer Weise durch rhythmisierten Schnitt.


Die Rhythmik des Parallel-Schnittes folgt dem Rhythmus des lustigen Couplets auch in den brutalen zwischengeschnittenen Prügelszenen (Nazis schlagen den Kit Kat Clubbesitzer halbtot), so dass die Montage hier den Charakter eines erschreckend ironisch-sarkastischen Kommentars bekommt.


Eine zweite geniale Montagesequenz sehen wir in der vorgestellten Szene „Im Biergarten am Waldwirtshaus“, die anfängliche Schönheit der Liedmelodie und der Liedtext-Zeilen wird mit den Gesichtern der Landbevölkerung parallel geschnitten.


Zuerst erscheint es uns, als beobachte die Kamera einfach nur Leute, die Verzahnung von Hi tl er-Junge im Braunhemd, der singt, der zunehmend drängenden Melodik und Fokussierung von Zähnen.


Der Gesichtsausdruck Einzelner, der unmerklich von Blinzeln gegen die Sonne zu Fanatismus zu gleiten scheint, lässt die Szene von einem unschuldigen Sonntagnachmittag in eine massive Bedrohlichkeit umschlagen.


Leute, die gerade noch Individuen waren, mutieren – unmerklich, und das ist das erschreckende – zu fanatisiertem Mob. Musikalisch umgesetzt ist die Bedrohlichkeit durch technische Verzerrung des Tones. Es klingt, als schnitten scharfe Schwerter durch den Soundtrack oder als zischten Granaten durch den Sound.

Tonspur der Liedszene->


Genial übersetzt diese Szene mit der zunächst bestechend schönen Melodie, die immer und immer lauter und bedrohlicher wird, den Vorgang von Friede zu Fanatisierung, bis alle, alle „umgedreht“ sind.s.a. „Der Unhold“


3. Cabaret, 1972, wirkt noch in einen weiteren HF-Film hinein. Ganz deutlich erkennbar ist die Anregung für die Figur Paula Schmitt in Auf ewig und einen Tag, mit Personensplitting auf Elsa auf Aeu1T.


a. Die unverbrüchliche Hoffnung beider Figuren, Sally und Paula, es beim nächsten Mal zu schaffen, den Durchbruch zum Erfolg zu schaffen, ist identisch.


b. die äußere Aufmachung von Paula in ihrer asiatischer -Koch-Phase mit demselben Makeup, der ganz ähnlichen schwarzen Bob-Frisur und vor allem den grün-metallicfarbenen Fingernägeln ist offensichtlich.


c. die dritte prätextuelle Anleihe ist die Ménage a trois. In Cabaret Sally, Brian und Max, in Aeu1T Elsa, Jan und Gregor.


d. Elsa heißt die Frau zwischen den beiden Männern in Aeu1T, eine Elsa kommt auch in Cabaret vor. Sally besingt sie, her Girlfriend Elsa. Schön, nicht?

e. explizit wiedererkennbar eine Szene Dialog Sally mit Brian, bzw. Paula Schmitt mit Jan Ottmann. In beiden Fällen geht es um die emotionale Beziehung nach dem Beischlaf, in beiden Fällen definiert die Protagonistin den Beischlaf. in Cabaret: B…sen, in Aeu1T: f…ken.


4. Auch zu „Ghetto„, 2004, mit HF in der Rolle des Jacob Gens, gibt es eine Beziehung. Cabaret, Comedian Harmonists und Ghetto legen die Erzählte Welt im Bereich Spiel auf der Bühne – Spiel im Leben an. Alle drei Filme bewegen sich im Bereich der Hi tl erdi ktatur.

Filmszenen I …mein Name hat Gewicht…in: Leo und Claire. Michael Degen – Leo Katzenberger. Regie: J. Vilsmaier, 2001


Bildquelle und Bildrechte perathon Filmproduktionsgesellschaft Odeon Filmproduktionsgesellschaft

…mein Name hat Gewicht in dieser Stadt…in: Leo und Claire. Michael Degen – Leo Katzenberger. Buch: Klaus Richter („Comedian Harmonists“), Reinhard Klooss nach einem Roman von Christiane Kohl, Regie: Joseph Vilsmaier, 2000 – 2001

story line->
Bildergalerie zum Film->

Vor der Szene

Dreissiger Jahre, Nürnberg.

Der wohl situierte Herr Leo Katzenberger besitzt ein renommiertes Schuhhaus in Nürnberg und das Mietshaus über´n Hof auch noch dazu. Er selbst wohnt mit seiner großen Familie in einer schönen großen Jugendstilvilla etwas ausserhalb.

Die Mieter beobachten sich gegenseitig – und sie beobachten Herrn Katzenberger. Der hat ein leer stehendes Atelier an die schöne junge Fotografin Irene vermietet. Leo und Irene mögen sich, Anlass genug, Neid und Missgunst gegen den reichen Mann zu schüren.

Der Nazionalsozialistische Politiker Julius Streicher darf schon seit Jahren den Stürmer herausgeben, der an jeder Straßenecke in Schaukästen zur Lekture aushängt.

Bildquelle und Bildrechte perathon Filmproduktionsgesellschaft Odeon Filmproduktionsgesellschaft


Als Leo Katzenberger eines abends nach Hause kommt, findet er nicht nur die Familie im Wohnzimmer versammelt.

Auch sein alter Freund, der Anwalt Richard Ephraim Hertz, verdienter Veteran des Ersten Weltkrieges und Träger des Eisernen Kreuzes, ist zu so später Stunde anwesend.

Ein Exemplar des Stürmer liegt auf dem Tisch….

Die Szene

Titelblatt einer Tageszeitung: Der Stürmer. Schlagzeile:

Jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit aufgedeckt.

Schnitt.

Seite 2: Überschrift: Die Schuhjuden Katzenberger.

Wir hören eine junge Frauenstimme. Es ist Leo´s ältere Tochter Käthe. Sie und ihr Verlobter wollen nach Palästina emigrieren, fliehen, schon bald.

Ihr könnt sagen, was ihr wollt, es gibt keine andere Möglichkeit. Das weiter mit anzusehen, ist absolut wahnsinnig.

Schnitt Totale.

Wir sehen das weitläufige Wohnzimmer der Familie Katzenberger. Mahagonimöbel, damaszierte goldfarbene Tapeten, Kristall-Kronleuchter, an der Wand ein großes Plein-Air-Gemälde im Goldrahmen, französischer Impressionismus oder Worpswede. Der Kaffeetisch ist eingedeckt mit Goldrandporzellan, auf einem Sideboard der große silberne Chanukka-Leuchter.

Am Tisch versammelt Frau Katzenberger, die Tochter und ihr Verlobter, Onkel Max und Tante, die jüngere Tochter wurde schon ins Bett verfrachtet. Ein Gast ist anwesend, ungewöhnlich zu so später Stunde: Anwalt Hertz. Man liest besorgt den Artikel im Hetzblatt Stürmer.

In der Raumtiefe ein großer Architekturbogen mit Glasfüllungen. Von dort hinten betritt Leo Katzenberger den Raum, hört gerade noch die Worte seiner Tochter. Leo:

Wer ist wahnsinnig?

Leo steuert gut gelaunt auf das Sideboard zu und nimmt sich ein Kristallglas. Die Tante hat ein Glas Port vor sich stehen, Katzenberger will den Abend ebenfalls mit einem Glas zur Entspannung beginnen. Im Vorbeigehen grüßt er seinen Freund, den Anwalt.

N´Abend Hertz.

Alle haben sich nach Leo umgedreht. Ernste Gesichter, Leo reagiert.

S´jemand gestorben?

..oder hat Max wieder versucht, einen Witz zu erzählen?

Mutter und Tochter setzen sich um, um Leo das Fauteuil an der Stirn des Tisches frei zu machen. Die Tochter lässt dabei das Hetzblatt vom Tisch verschwinden, hält es auf ihrem Schoß.

Frau Katzenberger:

Du kommst spät, Leo.

Leo

Ich hatte zu tun in unserer Fürther Filiale.

Er greift nach der Portweinkaraffe und gießt sich ein. Der Verlobte bedrückt:

Wir haben ein Problem.

Leo, immer noch bestens gelaunt und optimistisch:

Probleme sind dazu da, dass man sie löst.

Schnitt. Leo und Hertz nah, im Wechsel.

Leo:

Die Sache scheint wirklich ernst zu sein, wenn Du hier mitten in der Nacht auftauchst.

Hertz, langsam, besorgt, wohlwollend:

Ich bin nicht als Dein Anwalt hier – sondern als Dein Freund.

Mutter und Tochter reichen Leo den Stürmer auf den Tisch.

Schau Dir das mal an.

Leo schüttelt den Kopf. Wehrt unwillig ab:

Sowas les ich nicht.

Die Tochter nimmt die Sache in die Hand, liest vor:

Wer ist der Blutsauger, der das Geld scheffelweise verdient und der in einer palastartigen Villa haust?

Leo will sich gerade eine Havanna coupieren, bricht ab.

In seinen Geschäften lässt er sich nur hier und da blicken.

Die Arbeit aber verrichten Deutsche Verkäuferinnen. Aber die Tage der Herrlichkeit und Raffgier sind gezählt.

Leo zündet sich die Zigarre nun doch an. Das macht er jeden Abend genau so. Ein Glas Port, eine Zigarre. Auch jetzt.

Stündlich kann das große Reinemachen angehen. Besonders den Kaufmann Leo Katzenberger werden wir uns dann genau besehen. Auf ihn werden wir unser Auge richten, mit ihm wird sich der Stürmer demnächst eigens befassen.

Hertz nah, er geht unruhig auf und ab, wirft immer wieder ernste Blicke zu Leo.

Wir fordern das Deutsche Volk auf: kauft nicht beim Schuhjuden Katzenberger.

Jetzt ist Leo endlich wütend. Er wendet sich zu Hertz um:

Das lass ich mir nicht bieten.

Hertz nickt und wendet sich ab.

Der Verlobte:

In einem Monat sind wir in Palästina – ihr habt immer noch die Chance, mitzukommen.

Leo:

Ich denke gar nicht daran, was soll ich da unten? Ich will Schuhe verkaufen und nicht putzen.

Die Glastüre öffnet sich und die jüngere Tochter stürmt im Nachthemd und strumpfbesockt herein. Sie sieht Hertz und begrüßt ihn freudig, wie einen vertrauten Onkel.

Leo:

Ich werde diese Bande verklagen.

Die jüngere Tochter, sie wird in der Schule bereits diskriminiert als „stinkendes Judenmädchen“, setzt sich auf die Armlehne des Sessels ihres Vaters. Begeistert:

Au ja.

Leo lacht, legt seinen Arm um sein Kind und küsst es auf die Wange:

So will ich Dich hören, mein Schatz.

Nun aber ab in´s Bett.

Die Tochter sucht mit einem Darfichbittebleiben-Blick Hilfe bei Mama. Vergeblich. Sie muss wieder ins Bett. Küßchen, Abflug.

Wir hören Hertz:

Das ist doch vollkommen absurd. Im Stürmer krakeelen sie, die Juden sind unser Unglück.

Schnitt. Hertz nah, er hält ein Schreiben in der Hand, bringt es Leo:

Ich, Richard Ephraim Hertz bekomme vor ein paar Tagen das Hindenburg-Kreuz, Frontkämpfer im Krieg , verliehen.

Er reicht Leo das Schreiben. Ärgerlich:

Gezeichnet der Führer und Reichskanzler persönlich.

Man fühlt sich unwohl, die Blicke weichen aus. Hertz:

Nicht dass ich besonders stolz drauf wäre – das Eiserne Kreuz hab ich ja schon dafür dass ich das Glück hatte, im Krieg meine Birne hinzuhalten.

Leo hat inzwischen weiter gedacht. Zu seiner Frau:

Die bring ich wegen Geschäftsschädigung und Verleumdung vor Gericht.

Hertz, er steht jetzt neben Leo, warnt:

Das würd´ich mir noch mal überlegen.

Leo hört nichts. Antwort:

Und Du, lieber Hertz, wirst mich vertreten.

Hertz nimmt das Mandat an.

Mmh.

Totale. Der Kreis der Anwesenden um den Tisch. Mutter und Tochter scheinen sich gegenseitig Mut zu machen, halten sich an den Händen.

Leo steht auf, Hertz hatte sich nicht gesetzt. Zu Hertz:

Auf unsere Gesundheit.

Leo nimmt wieder Platz. Er ist siegessicher:

Mein Name hat Gewicht in dieser Stadt.

Ich bin Leo Katzenberger. Vorstand der Industrie- und Handelskammer, Förderer der Altenheimstiftung,

Seine Frau lächelt ihm zu, stolz.

.. zweiter Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde und – ironisch fröhlich: der Mann, der die Linksdrehung beim Wiener Walzer beherrscht.

Die Spannung der Anwesenden lässt nach. Leos Optimismus steckt an.

Hertz, ebenfalls lustig ironisch:

Na dann – is´ ja der Prozess so gut wie gewonnen.

Schnitt.

Leo gewinnt den Prozess gegen Julius Streicher, den Herausgeber des Stürmer, wegen Geschäftsschädigung und Verleumdung tatsächlich.

Aber kurz darauf, als er ausnahmsweise einmal, statt mit der Limousine zu farhen, zu Fuß zur Arbeit in die Stadt geht….

Die Szene

Wir sehen Leo Katzenberger am Fluß entlang gehen mit Aktentasche, äußerst elegantem dunklem Hut und Mantel, silbergrauem Anzug, Weste, Krawatte. Als er einen Verkaufsstand des Stürmer passieren muss, sehen wir in seinem Gesicht schon so etwas wie Angst.

Schnitt.

Eine Straße in der Altstadt, sie führt bergab. Uns entgegen kommt ein Lastwagen mit Planen-Verdeck, am Steuer ein Braunhemd, Ha k en kreuz-Armbinde, Uniform.

Der Lastwagen fährt exakt neben Leo Katzenberger im Schritt-Tempo, schlägt kurz vor Leo auf den Fußweg ein, verstellt den Weiterweg. Als Leo das Heck des Wagens erreicht hat, springen zwei Gestapo-Ledermäntel heraus, packen ihn und zwingen ihn in den Wagen.

Los, rein da!

Sie springen selbst auf,

Weiterfahren!

Der Lastwagen verschwindet.

Das Ganze hat fünf Sekunden gedauert.

Schnitt. Draussen vor der Stadt, wir befinden uns offensichtlich, dem Tor nach, auf einem Fußballplatz. Von Fern sehen wir den Lastwagen näher kommen.

Schnitt.

Im Inneren des Wagens.

Nicht nur Leo wurde gekidnappet, der ganze Laster ist voller Männer, auch Hertz ist unter ihnen. Schweigen. Die Gestapomänner fahren mit. Angstvolle Blicke. Man wartet. Es ist klar, dass etwas Schlimmes bevorsteht.

Schnitt.

Wir sehen den Wagen, er hält an, die Perspektive erlaubt einen Blick auf das Fußballfeld. Es ist voller Menschen. Sie liegen am Boden. Heftige Bewegung überall. Manchen tragen noch Schlafanzug, darüber ihren Mantel. SA-Uniformen stehen über den Menschen, schlagen sie mit Knüppeln. Wir hören nichts. Die Geräusche sind ausgeblendet, Musik begleitet unseren Blick über die Szene.

Erst als wir die ersten Nahaufnahmen sehen, blutige Gesichter, Knüppelschläge von oben, begreifen wir, was Leo und Hertz, wie die anderen hier, tun müssen:

Bildquelle und Bildrechte perathon Filmproduktionsgesellschaft Odeon Filmproduktionsgesellschaft

Man zwingt sie, Gras zu fressen – wie Vieh.

Schnitt.

2000 – 2001 Michael Degen (im Alter von 68) – Der Nürnberger Schuhfabrikant Leo Katzenberger, Suzanne von Borsody – Frau Claire Katzenberger, Alexandra Maria Lara – die ältere Tochter Käthe, Franziska Petri – die Fotografin Irene Schaeffler, Dietmar Schönherr – der Anwalt und Freund von Leo, Richard Ephraim Hertz, Rüdiger Vogler – Onkel Max.

Kommentar:

Nach diesem Erlebnis weiss Leo, dass er es hier und heute mit „ganz anderen“ Leuten zu tun hat, dass die Ordnung der Dinge ausgehebelt ist. Der Rechtsstaat – Vergangenheit, ein leeres Wort.

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semi offtopic

Joseph Vilsmaier wurde der Ehrenpreis des Deutschen Kamerapreises 2009 verliehen.->

Begründung des Kuratoriums:

Begründung des Kuratoriums Deutscher Kamerapreis Köln e.V.:
Joseph Vilsmaier setzt als filmischer Erzähler bedingungslos auf die emotionale Kraft der Bilder. Intuitiv erfasst er Lichtstimmungen und Bildräume, die er in den Ereigniswert großer Hollywoodfilme oder der besten europäischen Produktionen erhebt, ohne dabei mit der gebotenen Authentizität zu brechen.

Der DEUTSCHE KAMERA PREIS e. V. ist stolz, einen der großen deutschen Kameravirtuosen zu ehren, dessen Meisterschaft in seinem Metier höchstens durch seine eigenen Regieleistungen in den Schatten gestellt wird.

Diese hohe Handwerklichkeit und Unmittelbarkeit des Visuellen erreichte er schon in seinen frühen Fernseharbeiten wie dem Mehrteiler „Ein Stück Himmel“ und „Rote Erde“, die zu den Sternstunden des deutschen Fernsehens zählen. So wie diese preisgekrönten Filme kollektive Erinnerungen in unvergessliche Bilder fassten, verbanden auch Vilsmaiers eigene Regiearbeiten, bei denen er meist selbst die Kamera führte, historische Genauigkeit mit emotionaler Kraft:

Filme wie „Herbstmilch“ oder „Comedian Harmonists“ zählen nicht nur zu den großen Kassenerfolgen des deutschen Films, sondern vermitteln nachfolgenden Generationen ein hautnahes Gefühl für die eigene Geschichte.

Mit Freude ehren wir einen Kollegen, der seinen Beruf mit Herz und Seele ausfüllt.“

Quelle: www.kamerapreis.de

offtopic

Interview Oktober 2009 mit der Nobelpreisträgerin für Literatur 2009 Herta Müller->

semi – offtopic

Filmtipp – Kinostart: Michael Haneke: Das weisse Band (Goldene Palme Cannes 2009) startet am 15.10.2009 in den Kinos. Story Line->

Zitat:“ Die Frage, wie der Faschismus nach Deutschland kam, wie er überhaupt möglich wurde, schwebt über dem Film.“

Textquelle: Hamburger Abendblatt

Geschützt: Filmszenen I Ikonographie Schloß Königswald Teil 4 (Theorie)

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