Polizeiruf 110 Staffel 24 Folge 12.
….der Roland ist verschwunden.. Teil 1. in: Polizeiruf 110 – Jutta und die Kinder von Damutz. Regie: Bernd Böhlich, 1994-1995
Vor der Szene
Ein kleiner Ort in Ostdeutschland.
Arbeitermilieu.
Die Männer arbeiten beim Straßenbau, die Frauen beim örtlichen Versandhandel, Kleider einpacken. Der Straßenbauarbeiter Uwe Rockstroh (Heino Ferch) favorisiert zwei Frauen.
Eine, etwa fünf Jahre älter als er, Jutta Pahl und eine zweite, eine Marylin-Monroe-Kopie im roten Kleid namens Elvira Matzke, “Beverly”. Jutta hat zwei Kinder, ein Mädchen und den fünfjährigen Roland.
Jutta will, dass der leibliche Vater, Dr. Herbert Melchior Roland zu sich nimmt. Dr. Melchior ist jedoch in Begleitung seiner neuen Frau nach Damutz gereist, um Jutta mitzuteilen, dass in seinem Leben kein Platz für Roland ist.
Uwe, hemdsärmeliger Mustangfahrer, Biertrinker und Panzerkettchenträger interessiert nur der horizontale Sport. Bindung an eine zweifache Mutter ist für ihn undenkbar, er will nach Mallorca, nach Amerika, die Route Sixtysix auf einer Harley. Ohne Frau “Warum soll ich Stullen einpacken, wenns an jeder Ecke ne Dönerbude gibt? ” Auch ne Philosophie. Jutta und Beverly hält er solange warm.
Alles passiert an einem Nachmittag, einer Nacht und dem darauf folgenden Tag. Auf der Wiese am Fluß ist ein Rummel aufgebaut, Karussell, Biertische, Musik, Tanz. Jutta schmeißt sich an Uwe ran. Sie träumt von Liebe und Heirat.
Die Szene
Roland, der kleine, vielleicht fünfjährige Junge von Jutta Pahl und sein leiblicher Vater, Dr. Melchior sollen sich ein wenig näher kennenlernen. Oma Emmi (Gudrun Ritter) lässt den Mann mit dem Kind allein am Fluß spielen. Sohn und Vater unterhalten sich tasten sich aneinander heran, Dr. Melchior schenkt dem Kind einen Fotoapparat. Der Kleine beginnt sofort, damit Bilder zu machen.
Schnitt. Auf dem Rummel.
Biertische direkt am Flussufer, im Hintergrund das Schild der Fährenanlegestelle DAMUTZ.
Bildquelle und Bildrechte bei Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg
Wir sitzen an einem Biertisch. Der ist brechend voll leerer Bierkrüge, die Bauarbeiter haben schon ausgiebig getankt.
Die Unterhaltung ist laut und ausgelassen. Wir sehen Uwe Rockstroh am Kopf des Tisches im rotkarierten Bauarbeiterhemd, Ärmel bis zum Bizeps aufgekrempelt, strohblond, sonnenbraun, er diskutiert lebhaft mit seinem Kollegen.
Alle reden durcheinander. An seiner Seite sitzt Beverly, der Monroe-Verschnitt, ebenfalls blond, Peroxyd-blond.
Plötzlich steht Jutta da, sie reisst Uwe gewaltsam aus der Unterhaltung, packt ihn, dreht ihn zu sich
Heey!
Uwe will sich nicht von der Unterhaltung abbringen lassen, redet immer noch weiter.
Jutta zerrt ihn noch einmal zu sich her:
Ich muss Dich sprechen.
Uwe passt das gar nicht. Er versucht zuerst, unter Jutta durchzutauchen. Steht auf, als sie sich nicht abschütteln läßt. Jutta ist total aufgeregt, sie hält Uwe an den Schultern fest. Uwe:
Jetzt hab ich´s aber satt.
Jutta scheint wegen irgend etwas in großer Sorge, schlägt sich die Hand vor den Mund.
Von hinten streicht Beverly Uwe über die Hüfte, er soll zurückkommen.
Uwe zu Jutta.
Ich bin ein Gemütsmensch, ja? Aber diese…
Beverly tatscht Uwe immer wieder von hinten an. Uwe dreht sich genervt um. Scheucht Beverly mit ein paar Worten zurück, dreht sich wieder zu Jutta.
…. diese ewigen Grundsatzdiskussionen, die hab ich satt!
Jutta, weinerlich.
Es ist aber wichtig..
Uwe
Du setzt Dich jetzt hier hin und hör auf zu..
Jutta.
Bitte sag ihr, dass sie abhauen soll.
Uwe winkt ab. Er will nicht. Jutta übernimmt selbst das Ruder.
Zu Beverly.
Verp..ss Dich Du Nu..te!
Jutta kreischt, versucht zuzuschlagen. Uwe drängt sie von Beverly weg.
Beverly, im roten hautengen Kleid, lässt sich nicht lumpen, sie steht auch auf und versucht, Jutta zu schlagen. Uwes breiter Rücken verhindert entsprechende Treffer. Die beiden Frauen benehmen sich wie Furien, Uwe dazwischen versucht die beiden auseinander zu drängen, Beverly an den Armen zu packen… Geschrei.. Schnitt.
Nah die ältere Tochter von Jutta, vielleicht zehn. Sie ist gerade herbeigelaufen.
Die Kleine ist auch ganz aufgeregt.
Jutta zu ihr:
Ja was ist denn?
Die Kleine:
Der Roland ist weg…..
Schnitt. Abend.
Polizei. Blaulicht. Am Wasser. Viele Leute stehen fassungslos herum, unter ihnen Dr. Melchior.
Jutta und Uwe werden herbeigeführt. Ein uniformierter Polizist begleitet sie. Das Paar ist noch in der leichten Sommerkirmeskleidung vom Nachmittag, sie hatten sich wohl gerade noch beim Tanzen vergnügt. Im jetzigen Moment scheint Jutta jedoch bereits zu wissen, was passiert ist.
Aus den Blaulichtblitzen der Polizeiautos heraus tritt der Arzt Jutta entgegen.
Es tut mir leid.
Jutta und Uwe nah. Jutta scheint innerlich weit weg oder wie in Trance. Uwe hat den Ernst der Lage begriffen. Er versucht, sich der Situation gemäß einigermassen korrekt zu verhalten und Jutta nicht von der Seite zu weichen.
Der Arzt zu Jutta:
Ich konnte nichts mehr tun, es war zu spät.
Jutta starrt vor sich hin. Scheinbar hat sie ihre Gefühle ganz abgeschaltet, um nicht zusammenzubrechen. Der Arzt:
Möchtest Du den Roland noch mal sehn?
Sie schüttelt den Kopf:
Wenn Sie sagen, dass er tot ist. ..
Schnitt. Wir stehen schräg hinter Uwe und sehen, dass eine Frau um die Vierzig, grauer korrekter Anzug mit Blazer, braunes glattes Haar, Makeup, auf Jutta zugeht. Es ist die Untersuchungsbeamtin.
Die Kommissarin:
Mein Name ist Voigt. Tanja Voigt.
Sie scheint mit Jutta mitzufühlen. Offenbar versteht sie, dass Jutta auf ihre ausgestreckte Hand mit dem LKA-Ausweis nicht reagiert.
Sie steckt den Ausweis wieder weg.
Zu Jutta:
Haben Sie jemanden, der sich um sie kümmert?
Uwe antwortet für Jutta:
Is schon in Ordnung.
Er stellt sich Kommissarin Voigt vor, gibt die Hand:
N´Abend Uwe Rockstroh.
Wir können ihm im Moment des Grusses ins Gesicht sehen, er deutet ein Nicken an, zieht den Kopf aber sofort danach wieder in den Nacken. Einen Augenblick lang wirkt er eigenartig feindselig.
Jutta sagt endlich etwas, sie starrt immer noch ins Nichts:
Sabine sollte auf ihn aufpassen.
Voigt
Wer ist Sabine.
Uwe hilft noch mal:
S´is seine Schwester.
Er bleibt dicht neben Jutta stehen und verfolgt den Dialog zwischen Jutta und der Kommissarin.
Voigt
Ja, dann fragen wir sie doch. Wo issie denn?
Jutta reagiert nicht.
Issie nich hier?
Jetzt schüttelt sie den Kopf.
Frau Pahl,- können Sie sich vorstellen, wo Ihre Tochter sein könnte?
Jutta redet nicht. Ihr Kopfschütteln kommt verzögert, offensichtlich steht sie unter Schock.
Die Kommissarin:
Versuchen Sie bitte, sich zu erinnern, wann Sie sie das letzte Mal gesehn haben.
Wieder schüttelt Jutta nur den Kopf. Wir erkennen, sie will sagen, sie kann sich nicht erinnern.
Dann sagen Sie mir bitte, was er heute anhatte.
Jutta blickt endlich der Kommissarin ins Gesicht.
Weiss ich nicht.
Tanja Voigt weicht innerlich ein wenig zurück, wartet. Dann ist ihr offenbar klar, dass die Mutter des toten Kindes nicht vernehmungsfähig ist. Sie würde nur immer weiter den Kopf schütteln und weiss ich nich sagen.
Also:
Tanja Voigt zu Uwe:
Bringen Sie sie weg, Herr Rockstroh…
Die beiden gehen weg.
Totale. Wir sehen die ganze Szenerie am Wasser, Beamte untersuchen das Ufer. Offenbar war Juttas Sohn Roland hier ertrunken.
Schnitt.
1994-95 Heino Ferch (im Alter von 31) – Straßenbauarbeiter Uwe Rockstroh, Dagmar Manzel – Jutta Pahl, seine Favoritin, zweifache Mutter, Petra Kleinert – Beverly, möchte auch Uwes Freundin werden, Hermann Beyer – der stumme Schäfer Alfred, Kathrin Sass – Hauptkommissarin Tanja Voigt.
Kommentar:
Der Film hat engste Beziehung zu ” Es geschah am hellichten Tag” Die Rolle, die hier der Schäfer Alfred (Hermann Beyer) spielt, nimmt dort Heino Ferch als Hans Lederer ein.
Nicht nur in der Rollenbesetzung der Mutter Emmi Pahl (Gudrun Ritter) hat der Film Bezüge zu ” Das Wunder von Lengede” , auch in der Tanzszene Mutter-Tocher, in der Kirchenszene, und in der Grundhaltung, dass die Protagonisten weg wollen aus einem verschlafenen Ort. Auch das Ende, dass jemand abreist, um woanders nach schlimmen Erlebnissen sein Glück zu finden, ist in Wunder von Lengede wieder zu finden.
Zweimal andernorts wieder verwendet wurde der Schuß. Hier schießt ein Polizeimeister in die Luft, um sich Gehör zu verschaffen, In “Es geschah.. ” schießt der LKA Kommissar (Hans-Werner Meyer) aus dem gleichen Grund in die Luft und verwendet wurde diese Art Schuß, um sich Gehör zu verschaffen ein drittes Mal in “Die Luftbrücke- nur der Himmel war frei.” Hier schießt Philipp Turner im Kasino in die Decke, ebenfalls, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.

