Monatsarchiv: April 2009

Filmszenen I …in meinen Träumen…Teil 4. in: Entführt. Heino Ferch – Danner. Regie: Matti Geschonneck, 2008-09

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Entführt! Fernseh-Zweiteiler 2009 mit Nina Kunzendorf, Heino Ferch, Suzanne von Borsody.

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Vor der Szene

Seit der Entführung von Lianes Mann Frank und ihrer Tochter Hannah ist vieles passiert. Frank war von den Entführern seiner Frau Liane mit durchschnittener Kehle im Kofferraum eines Autos vor die Tür gelegt worden.

Der Kindesübergabe-Termin hat schon stattgefunden. Das Geld ist in der Hand der Entführerin Marietta Lahn, das Kind wurde nicht zurückgegeben. Marietta erschoß während der Übergabe ihren Co-Entführer, den Sadisten Svensson, offenbar ihr Ex-Lebensgefährte, während Svensson auf Hauptkommissar Thomas Danner zielte.

Marietta wechselt das Versteck. Die Alte Sportarena wird getauscht gegen das Alte Bootshaus im See, das sich im Besitz von Albert Targensee befindet.

Liane geht – ohne Wissen, dass ihre Tochter direkt am See versteckt gehalten wird – auch immer wieder zum Wasser, einmal, um darin zu schwimmen, einmal, um ihre Ruhe zu haben.

Szene Liane

Sonniger Nachmittag. Wir nähern uns durch hohes Schilfgras einem Ufersteg. Wir hören Schritte und wissen, wir begleiten Thomas Danner.

Das Schilfgras gibt den Blick auf den Stegkopf frei. Dort steht mit verschränkten Armen, in langem schwarzen Jacket und Jeans, starr wie ein dunkler Pfahl, Liane. Sie blickt offenbar auf den See hinaus.

Schnitt.

Lianes Gesicht nah. Wir sehen, sie hört die Schritte, die sich weiter nähern. Vogelgezwitscher. Sie blickt wieder auf den See hinaus, wirkt angespannt, starr, verschlossen.

Schnitt. Close Up.

Liane im Profil. Neben ihr Profil schiebt sich ein zweites: Danner. Auch er im neutralen Jacket.

Er schließt sich Lianes Blick auf den See an, dann, plötzlich, ein sehr aufmerksamer Blick in ihr Gesicht.

Pause. Er wartet auf ein Erkennungszeichen.

Liane bleibt unbeweglich.

Danner

Ich hab´ mir Sorgen gemacht um Sie.

Liane starrt mit stecknadelkopfkleinen Pupillen immer noch vor sich hin. Das Halblicht zeichnet scharfe Falten zwischen ihre  Brauen und um die Mundwinkel.

Hannah ist tot…

Sagt sie.

Pause.

Die Wortlosigkeit der Pause füllt sich mit unserem schnellen Gedankenwirrwarr. Nein, das ist nicht wahr, hoffentlich provoziert sie nur, sie muss doch weiter glauben, vielleicht kann er sie aufrütteln…

Liane

…und Sie wissen das auch.

Schnitt zu Danner. Er sieht Liane unverwandt, fast prüfend, an. Sagt:

Nein.

Nein, Liane, ich weiss nichts derartiges, könnte das heißen, oder Nein, Liane, ich glaube fest, dass Ihre Tochter noch lebt, ich glaube, wir finden sie.

Lianes langer Blick zu Danner scheint diese Möglichkeiten auszuforschen.

Schnitt.

Silhouette New York bei Nacht mit tausend Lichtern vom Hudson aus. Langsamer Schwenk, ein Touristenboot zieht seine Bahn.

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Szene Marietta Lahn

Nah eine Kinderhand mit Han ds che lle. Die Hand ist an einen Bettpfosten gef ess elt. Zwei größere Hände öffnen die Sch elle. Das Handgelenk des Mädchens zeigt eine rote Spur.

Halbtotale.

Marietta Lahn ist allein mit dem entführten Mädchen Hannah im Alten Bootshaus von Albert Targensee. (Fragt bitte nicht, woher sie den Schlüssel hat. Sie hat ihn eben.)

Eine Liege, auf der das Mädchen schläft, Marietta Lahn (Suzanne von Borsody) kniet davor. Auf einem Tischlein im Vordergrund eine Wasserflasche. Die Luft ist staubig, das Das Alte Bootshaus ist mit Andenken vollgestellt.

Marietta legt den Arm des Kindes unter die graue Woll-Zudecke.

Schnitt. Marietta Lahn nah.

Sie blickt das Kind lange an.

Dann, emotional, nostalgisch traurig sehnsuchtsvoll, ihre Stimme versagt fast:

Ich seh´Dich in meinen Träumen.

Marietta Lahn, eine ehemalige Terroristin, ist der Kopf der Entführer. Wir haben sie als kühle Rechnerin kennengelernt, die hart regiert und schnell handelt. Die verbalen und handgreiflichen Zweikämpfe mit ihrem Ex, dem Sadisten Svensson, hatten sie als geübte Dompteurin einer ihr abhängigen Männer-Psyche gezeigt. (Bei Sa dis ten gibt es übrigens nur gute Dompteurinnen, die schlechten sind alle tot.)

Wir sehen Mariettas Hand. Sie streicht dem Kind eine Haarsträhne aus der Stirn, dann streichelt sie Hannah über den Kopf. Offenbar hat Marietta Lahn in den letzten Tagen und Stunden für das Mädchen mütterliche nostalgisch zärtliche Gefühle entwickelt.

Das Kind schläft.

Lahn lächelt, wie zu einem persönlichen leisen Abschied. Steht auf.

Schnitt, aussen.

Die braune Holztür mit den weissen Nuten geht auf.

Marietta kommt heraus. Verharrt, überlegt.

Sie überlegt es sich anders. Sie will das Kind mitnehmen.

Warum? Das Geld hat sie, das Kind ist wieder bei Targensee. Die Sache könnte hier zu Ende sein. Warum nur will sie das Mädchen jetzt noch mitnehmen?

Ein Range Rover hält am Ufer.

Maximilan Kessler kommt.

Wir im Alten Bootshaus dicht hinter Marietta. Sie weckt das Kind.

Los!

Sagt sie

Steh auf.

Das Kind schlaftrunken und widerwillig:

Was soll das?

Lahn

Wir gehen.

Maximilian Kessler kommt, er ist schon auf dem Steg. Das Treffen war offenbar verabredet.

Das Kind reisst sich los und rennt zu Kessler. Es drückt sich an den Mann.

Max zu Marietta über das Mädchen hinweg

Ist das Geld im Wagen?

Marietta

Ja

Hannah blickt erstaunt zwischen ihrem lieben Onkel Max und der Frau hin und her, die ihre Entführerin war. Sie versteht, dass die Beiden unerlaubterweise etwas miteinander zu tun haben.

Max

Behalt es.

Marietta, sie steht auf der Plattform des Bootshauses, hinter ihr der See und jenseitig das grüne Ufer.

Was soll das heißen?

Max

Behalt es! Ist niemand mehr da, mit dem Du´s teilen kannst.

Max wirft Hannah beiseite wie einen Gegenstand und geht auf Lahn zu.

Lahn

Dafür ham Sie ja auch gesorgt.

Max

Nimm´s als Entschuldigung.

Max kommt so nahe, dass Marietta ausweicht, beide tauschen so Plätze. Max ist jetzt näher am Wasser, Lahn näher an Land. Hannah hat sich an die Wand des Bootshauses gedrückt und starrt die beiden ängstlich an.

Very Close Up in das bewegungslose Gesicht von Marietta, dann das von Max. Sie starren sich an.

Marietta, entschlossen

Ich lass das Mädchen frei!

Max zu Hannah

Geh zurück in die Hütte. Los.

Hannah drückt sich an die Wand.

Nein ich will nicht.

Lahn, sehr bestimmend zu dem Mädchen, sie lässt Max nicht aus den Augen:

Du kommst mit mir.

Max nickt Marietta Lahn zu:

Viel Glück.


Als die Frau losläuft, zückt Kessler eine Beretta und schießt Marietta Lahn direkt vor den Augen des Kindes nieder.

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Marietta stirbt am Alten Bootshaus auf dem See.

Kommentar 1:

Zur Silhouette New York bei Nacht mit tausend Lichtern vom Hudson aus Langsamer Schwenk, ein Touristenboot zieht seine Bahn. (Direkt im Anschluß an die Dialogszene Danner – Liane)


oben: Bildquelle und Bildrechte Eikon Film. unten: Bildquelle und Bildrechte bei ZDF.de

oben: Film: Jahrestage – Aus dem Leben der Gesine Cressphal 1999, unten: Film Entführt! 2009. New York bei Nacht vom Hudson aus. in beiden Fällen langsamer Schwenk mit Bewegung Touristenboot im Vordergrund.

Dieses Bild weckt im Zusammenhang mit der Rollenträgerin Marietta Lahn eine visuelle Erinnerung:

Dieser langsame Schwenk inkl. Touristenboot ist identisch mit Eingangspassage von „Jahrestage.“ Aus dem Leben der Gesine Cressphal. (Regie: Margarethe von Trotta, 1999 – 2000)

Die Hintergrundsmusik in Jahrestage zu diesem Bild ist eine klagende Frauenstimme. Die Frau singt über sich selbst und ihre Vergangenheit, ihre Erinnerung->:

Broken Memories….

tell you all forgotten…

to be forgotten..

each day…

sie ruft laut:

…remember me, remember me…

In diesem Film spricht die Hauptfigur Gesine Cressphal immer wieder mit ihrem verstorbenen Lebensgefährten Jakob.

Sie dialogisiert mit ihm in ihren (Tag)träumen, sie sieht ihn in ihren Träumen, fragt ihn immer wieder, wie sie alles machen soll. (s.a. Die Luftbrücke. Louise über ihren verstorbenen Mann: Ich rede noch immer mit ihm, frag ihn, wie ich alles machen soll….)

o.je.


Filmszenen I …keine Angst. – wir helfen Ihnen…Teil 3 in : Entführt!. Heino Ferch – Thomas Danner. Regie: Matti Geschonnek, 2008-2009

Entführt! Fernsehfilm in zwei Teilen. ZDF, 2009 Bildquelle und Bildrechte bei ZDF.de
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neue Episode 28.4.2009 15h

…keine Angst. – wir helfen Ihnen…Teil 3 in : Entführt!. Heino Ferch – Thomas Danner. Regie: Matti Geschonnek, 2008-2009

Die Szene.

Nacht.

Das Haus von Liane und Frank Bergmann.

Alle Fenster sind erleuchtet, durch die raumhohen Terassenfenster sehen wir Licht im Inneren. Ein Telefon läutet. Die Kamera umfährt das Haus in schneller Linkskurve.

Schnitt innen. Die Linkskurve der Kamerafahrt setzt sich in Nahsicht auf ein Telefontischchen fort. Auf ihm steht neben einer schönen, wohl antiken pakistanischen Keramikschale ein drahtloses Telefon in seiner Docking Station.

Das Telefon klingelt weiter.

Schnitt.

Liane läuft schnell durch den Raum auf uns, auf den Telefontisch zu.

Schnitt ins Nebenzimmer. Dort sitzen die Kripobeamten für die Fangschaltung und den Mitschnitt, einer steht auf, einen Kopfhörer in der Hand.

Schnitt auf die Glastür, die das Telefontischchen vom Wohnzimmer trennt.

Danner, Dreitagebart, T-Shirt und dunkelgraues körpernah geschnittenes Sweatshirt, ziemlich inoffizielle Kleidung – er hat mit Liane auf den Anruf der Kidnapper wohl schon den zweiten Tag gewartet – tritt Liane in den Weg, wehrt ab, greift nach den angebotenen Kopfhörer, flüstert:

Moment!

Danner wirft einen Blick in den Nebenraum zur Technik, dreht sich mit einer schnellen Kopfbewegung zu Liane, sieht sie an.

Zu Liane:

Keine Angst…–

Schnitt auf Liane, sie wirkt angespannt.

Danner aus dem off:

-…wir helfen Ihnen.

Die entspannte Sicherheit seiner Stimme, – wach, präsent, ohne nervösen Anpressdruck – wirkt wie ein Beta-Blocker-Aerosol.

Liane nickt.

Das Telefon läutet weiter.

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Danner wirft wieder einen knappen Blick zur Technik in den Nebenraum. Ein kurzes Nicken, drin wurde ihm wohl Bereitschaft signalisiert,

lautlose Lippengeste:

O.k.!

Er nickt Liane knapp zu, hält eine Ohrmuschel des Stereo-Kopfhörers ans Ohr. Er setzt die Kopfhörer nicht auf.

Er wirkt ernst, reaktionsbereit, konzentriert, bereit, auf jeden möglichen Impuls schnell und richtig zu reagieren, – aber wir wundern uns, keine anderen Emotionen zu finden. Keine Überspannung, die zu – unangebrachter-  Kälte oder Dominanz wird, kein lauwarm geheucheltes Mitgefühl, damit die Klientin nicht ausflippt.

Wäre der Anruf ein Ball, würde Danner wohl nicht anders wirken, wenn er das Zuspiel erwartet, um der Kugel im wichtigen Augenblick die beste Richtung zu geben.

Insert.

Lianes Hand nimmt das Telefon aus der Docking Station.

Liane, halbnah:

Bergmann…?

Im Telefon:

Hier is` Maximilian.

Schnitt auf die Techniker vor ihren Bildschirmen, Maximilian Kesslers Stimme schlängelt sich als weisse Stimmprofilkurve auf blauem Bildschirm-Hintergrund. Im off:

Liane überrascht:

Max!

Max

Geht´s Dir nicht gut?

Jetzt sehen wir Max. Max ist ein Mann um die sechzig, millimeterkurz geschorenes Haar, gepflegt. Wenn wir nach seiner Kleidung urteilen, will und muss dieser Mann noch nicht auf die Präsentation seiner Körperlichkeit verzichten. Er trägt ein dünnes Sweatshirt mit V-Ausschnitt und hochgeschobenen Ärmeln, das von seinem Körper mehr zeigt, als für einen Mann seines Alters üblich.

Schnitt auf Liane, sie schüttelt den Kopf, macht eine Geste des Abwinkens.

Danner nimmt sofort die Hörermuschel vom Kopf, er ist nicht hier, um Privatgespräche mitzuhören. Ein kurzer Blick geht trotzdem forschend zu Liane, er hat die Person am anderen Ende der Leitung offenbar in sein Szenario aufgenommen.

Liane

A ahm … Max es tut mir leid, ich ..ich kann jetzt nicht telefonieren, ich …

Wir sehen Danner direkt dicht vor uns weggehen.

Max

Was ist mit Dir?

Bei Max

Im Telefon sagt Liane

…ich ruf Dich später an, ja?

Ok.

Morgen.

Schnitt.

Wir sehen einen Porsche vor ein Landgut fahren, offensichtlich das Haus von Max.

Schnitt auf Max am Telefon:

Ja gut,

….Liane?

Liane

Ja?

Schnitt in den Nebenraum bei Liane.

Max Stimme ist als Raumton zu hören.

Kann ich was für Dich tun?

Danner steht da, wartet und hört – notgedrungen – über die Lautsprecher der Technik den Text von Max. Er blickt aufmerksam zu Liane hinüber.

Liane bei uns:

Nein, is alles gut.

Danke.

Wir sehen Max.

Er scheint draussen den Wagen zu hören, der gerade vorfährt. Er legt das Telefon weg, geht zur Tür. Öffnet. Draussen steht Vera Targensee mit einer Flasche Champagner in der Hand und in einem Trenchcoat – dem berühmten Trenchcoat – mit quasi nichts darunter….. (siehe: Romy Schneider in „Das wilde Schaf“.)

Schnitt.

2008-2009 Heino Ferch (im Alter von 44) – Hauptkommissar Thomas Danner, Hanns Zischler – Maximilian Kessler, Andrea Sawatzki – Vera Targensee, Nina Kunzendorf – Liane Bergmann, Mark Waschke – Frank Bergmann, Johannes Allmayer – Kollege Schneider, Matthias Brandt – Entführer Svensson, Suzanne von Borsody – Entführerin Marietta Lahn, Thorsten Merten -  Entführer Peter Münz, Ulrich Thomsen – Drahtzieher Dr. Albert Brand junior.


Kommentar 1 (Achtung Spoiler):


Hier nimmt Hauptkommissar Thomas Danner zum ersten Mal die Person Maximilian Kessler wahr. Kessler, Leiter des Gestüts Targensee und Prokurist des steinreichen Industriellen Albert Targensee,  taucht immer wieder auf, ist als besorgter Onkel charakterisiert, aber auch als schlecht behandelter Angestellter mit Anlass zur Unzufriedenheit und als opportunistischer Geliebter von Vera Targensee, der Tochter Albert Targensees. Zwischen all den interessanten Figuren beachtet man ihn gar nicht so aufmerksam. Sollte man aber. Er ist der Drahtzieher der Kindes-Entführung in Deutschland….

Kommentar 2:

Marietta Lahn.

Dieser Figur ordnen wir ein lang und deutlich eingeschnittenes Bildtableau, Bildmotiv, zu, das von Personen, die den Film kennen, sofort als ikonografisches Vorbild und damit als Bedeutungsträger gelesen werden muss. Es ist der lange Schnitt auf den Hudson und die Silhouette von New York bei Nacht, die die Eröffnungssequenz der Margarethe von Trotta Verfilmung von Uwe Johnsons „Jahrestage“ bildet. Gesine Cressphal lebt in New York und in Deutschland und sie soll ihren zweiten Lebenspartner Dietrich Erichson, mit dem sie jetzt schon lange eine Beziehung hat, heiraten.

Gesine Cressphal und ihr Ex-Lebenspartner Jakob.

Bildrechte www.br-online.de

Sie verstrickt sich jedoch immer und immer wieder in Tagträume um ihren ersten Lebenspartner, Jakob, der verstorben ist.

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Copyright Bayerischer Rundfunk Click auf das Bild, um es im Originalzusammenhang auf br-online.de zu betrachten

Gesine Cresspahl und ihr Erichson (Suzanne von Borsody, Axel Milberg)

In Jahrestage kommt es leider nicht zur Heirat mit Erichson, jedoch nur aufgrund eines wirklich blöden unnötigen Unfalls. Ohne Unfall hätte sie ihn geheiratet.

Anm.d. Red:

Alle zwischen dem 28.2.2009 und dem 29.5. 2009 in Szenen enthaltenen Subtexte im blog und im podcast sind ausschließlich zur storyimmanenten Deutung innerhalb der erzählten Filmstoffe zu interpretieren.

Filmszenen I …was ich mit Händen greife, glaub ich gern.. Der zerbrochne Krug. Teil 2 Heinrich von Kleist, 1806. Inszenierung für TV: Heinz Schirk, 1991

Bildquelle und Bildrechte bei Hessischer Rundfunk

Der zerbrochne Krug. Bildquelle und Bildrechte bei Hessischer Rundfunk

…was ich mit Händen greife, glaub ich gern.. Der zerbrochne Krug. Teil 2 Heinrich von Kleist, 1806. Inszenierung für TV: Heinz Schirk, 1991b


Ruprecht (Heino Ferch), Veit Tümpels Sohn und Verlobter von Evchen Rull, der Tochter von Marthe Rull, ist angeklagt. Gestern Abend um elfe zur Fernsterlzeit soll er bei seiner Flucht aus Evchens Kammer den wertvollen Krug zerbrochen haben.

Die Mutter Marthe klagt Ruprecht vor dem Dorfrichter wegen Sachbeschädigung an. Ruprecht beteuert seine Unschuld. Als er in Evchens Kammer kam, sei ein anderer im Dunkeln schnell durchs Fenster geflohen. Dabei habe der andere den Krug von der Fensterbank gestoßen.

Evchen macht keine klare Aussage. Klar sagt sie nur, dass es Ruprecht nicht war. Der Schuldige ist der Dorfrichter Adam selbst.

Adam ist jetzt Verhandlungsführer und versucht alles, seine Schuld vor dem Revisor Walter, der den Dorfrichter Adam heute zu überprüfen hat, zu vertuschen.

Evchen liebt ihren Ruprecht  und will ihn heiraten. Ruprecht soll einberufen und nach Indien geschickt werden. Nur ein Gesundheits- bzw. Krankheitszeugnis kann helfen, ihn für untauglich zu erklären und ihn vor einem sinnlosen Soldatentod in Fernost retten. Adam hat das Krankheitszeugnis auszustellen. Leise in einem kurzen Nebengespräch erpresst er Evchen, Ruprechts Verlobte.

Wenn sie ihn, Adam, als Schuldigen nennt, bekommt Ruprecht, ihr Verlobter kein Freistellungszeugnis. So ist Evchen in einem für sie unlösbaren Zielkonflikt.Sagt sie Ruprecht war´s, verliert sie ihn an die Justiz und/oder an´s Militär und sie verliert Ruprechts Vertrauen, sagt sie Ruprecht war´s nicht, gilt sie – ein Eheversprechen war damals 100%ig bindend – als untreu und verliert ebenfalls Ruprechts Vertrauen, das Verlöbnis und ihre Ehre.

Ruprecht hält Mutter und Tochter gleichermaßen für Ankläger seiner – unschuldigen – Person. Anfangs beschimpft er Evchen, denn er selbst glaubt, dass Evchen ihre Gunst noch einem anderen geschenkt habe und der Täter ein anderer junger Mann, der Flickschuster Lebrecht sei.  Später ist er von den verschiedenen Aussagen, die kein logisches Bild ergeben, verwirrt, auch im Unklaren über Evchens wahre Gefühle ihm gegenüber.

Originalton_Copyright_Hessischer Rundfunk->

Ruprecht
Sie jammert mich. Laßt doch den Krug, ich bitt Euch;
Ich will ‘n nach Utrecht tragen. Solch ein Krug -
Ich wollt, ich hätt ihn nur entzwei geschlagen.









Bildquelle und Bildrechte Hessischer Rundfunk 1991

Eve
Unedelmüt’ger, du! Pfui, schäme dich,
Daß du nicht sagst: gut, ich zerschlug den Krug!
Pfui, Ruprecht, pfui, o schäme dich, daß du
Mir nicht in meiner Tat vertrauen kannst.


Gab ich die Hand dir nicht, und sagte: ja,
Als du mich fragtest: »Eve, willst du mich?«
Meinst du, daß du den Flickschuster nicht wert bist?
Und hättest du durchs Schlüsselloch mich mit
Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen,
Du hättest denken sollen:

Ev ist brav,
Es wird sich alles ihr zum Ruhme lösen,
Und ists im Leben nicht, so ist es Jenseits,
Und wenn wir auferstehn, ist auch ein Tag.

Ruprecht
Mein Seel, das dauert mir zu lange, Evchen.
Was ich mit Händen greife, glaub ich gern.

Eve
Gesetzt, es wär der Leberecht gewesen,
Warum – des Todes will ich ewig sterben,
Hätt ichs dir Einzigen nicht gleich vertraut;


Jedoch warum vor Nachbarn, Knecht’ und Mägden -
Gesetzt, ich hätte Gründ, es zu verbergen,
Warum, o Ruprecht, sprich, warum nicht sollt ich
Auf dein Vertraun hin sagen, daß du’s warst?
Warum nicht sollt ichs? Warum sollt ichs nicht?

Ruprecht
Ei, so zum Henker, sags, es ist mir recht,
Wenn du die Fiedel dir ersparen kannst.

Walter
Nun -? Und dies einz’ge Wort -? Halt uns nicht auf.
Der Ruprecht also war es nicht?

Eve
Nein, gnäd’ger Herr, weil ers denn selbst so will,
Um seinetwillen nur verschwieg ich es:
Den irdnen Krug zerschlug der Ruprecht nicht,
Wenn ers Euch selber leugnet, könnt Ihrs glauben.

Frau Marthe
Eve! Der Ruprecht nicht?

Eve
Nein, Mutter, nein!
Und wenn ichs gestern sagte, wars gelogen.

Frau Marthe
Hör, dir zerschlag ich alle Knochen!

Sie setzt den Krug nieder.

Eve
Tut, was Ihr wollt.

zit. n.:

http://gutenberg.spiegel.de Das Gutenberg-Projekt. Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug, neunter Auftritt.



Kinotipp: Effi Briest: Anschaun! – das heißt, anschaun, wenn Sie jemand sind, der freiwillig einen leichten Opernabend, Puccini, Verdi, o.ä. mit Genuss erlebt.

Hermine Huntgeburth hat eine ganz neue Interpretation des alten Stoffes vorgelegt. Ja, Kitschszenen, – aber, oh Wunder – alle entkitscht.

Die Inszenierung atmet eine unverbrauchte moderne Frische, die den Effi Briest Schullektürenleser erstaunt zurückläßt. So erstaunt, dass nach Filmende bei uns in Holzkirchen niemand aufstand. Wirklich fast alle wendeten sich spontan einander zu und begannen lebhaft zu diskutieren.

Sebastian Koch – und Hermine Huntgeburth legen eine neue Interpretation des Baron von Imstetten vor, die auch von uns heute im 21. Jh. verstanden und nachvollzogen werden kann. Schön an Kochs Arbeit ist vieles, aber auch, dass er ein Schauspieler ist, der noch die Körpersprache einer Person aus dem 19. Jh. exakt wiedergeben kann.

Die ganze Crew großartig Julia Jentsch als Effi, Rüdiger Vogler als der Apotheker, Thomas Thieme als Vater, Juliane Köhler als Effis Mutter, Misel Maticevic als Major von Crampas.

Und sehr überraschend der äußerst moderne Schluß. Wow. Effi geht mit entschlossenem Schritt als zwar verarmte und von der höheren Gesellschaft ausgeschlossene, aber innerlich emanzipierte Frau aus dem Drama hinaus.

Wir finden, im Vergleich Breloer Buddenbrooks, Rola Krupps und Huntgeburth Effi Briest hat der letzte Film um Längen Platz 1 verdient. Wahrscheinlich kann man Hermine Huntgeburth („Teufelsbraten“, „Der Boxer und die Friseuse„) bitten, das Telefonbuch Buchstabe HA – HL zu verfilmen und man geht nach 2 Stunden gut unterhalten aus dem Kino hinaus.